Geldanlage

Halbleiter-Hype: Das neue Öl?

Lesezeit: 4 min
23.08.2021 18:39
Der Halbleitersektor bleibt weiterhin ein heiß diskutiertes Thema unter Analysten und Investoren. Für manche gelten sie als das „neue Öl“. Aber stimmt das?
Halbleiter-Hype: Das neue Öl?
Halbleiter sind der Hauptbestandteil von Mikrochips. (Foto: iStock.com/MACRO PHOTO)
Foto: MACRO PHOTO

Analyse von Mark Hawtin, Investment Director für Aktien „Disruptives Wachstum“ bei GAM Investments:

In einem jüngst veröffentlichten Bericht der Capital International Group wurden Halbleiter als das „neue Öl“ bezeichnet, welches das Räderwerk der Disruption antreibt. Wir stimmen zwar der Einschätzung zu, dass Halbleiter einen wichtigen Bestandteil des Gesamtsystems darstellen, sind jedoch davon überzeugt, dass Daten das neue Öl und Halbleiter die neuen Motoren darstellen. Das klingt zwar weniger glamourös, und doch sind Daten die wichtigsten Antriebskräfte der neuen Wirtschaft – so unverzichtbar wie Öl für den Verbrennungsmotor. Der Hype um den Sektor hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das die Bewertungen im historischen Vergleich auf bislang nie erreichte Niveaus steigen ließ. Wie Grafik 1 verdeutlicht, verteuerten sich die Preise für Halbleiter gemessen am Preis-Umsatz-Verhältnis in den vergangenen zehn Jahren stetig, und zwar von weniger als dem Zweifachen in der globalen Finanzkrise auf aktuell mehr als das Siebenfache. Gleichzeitig steigen die Bruttomargen in einigen Fällen um 20%. Das Ergebnis ist eine enorme Ausweitung der Preis-Gewinn-Verhältnisse, die uns mittlerweile als nicht mehr gerechtfertigt erscheinen.

Das siebenfache Preis-Umsatz-Verhältnis entspricht dem führender, etablierter Softwareunternehmen. Dieses Verhältnis erscheint uns aufgrund des Entwicklungs- und Wachstumsprofils dieser Unternehmen vergleichbar, wenngleich die Bruttomargen in der Softwarebranche deutlich höher sind. Wir mahnen daher zur Vorsicht vor einer pauschalen Betrachtung des Sektors und weisen auf die Entwicklung in der Halbleiterbranche hin. Diese stellt nicht länger ein homogenes vertikales, sondern vielmehr ein horizontales Marktsegment dar, in dem die vertikale Endanwendung für das Ergebnis der einzelnen Unternehmen von entscheidender Bedeutung ist. Die Entscheidung für oder gegen eine Investition sollte nach unserer Überzeugung nicht länger aufgrund sektorspezifischer, sondern vielmehr branchenspezifischer Überlegungen getroffen werden.

Halbleiter-Engpässe bremsen Automobilindustrie

Die Automobilindustrie bietet beispielsweise aufgrund des zunehmenden Anstiegs des US-Dollar-abhängigen Komponentenanteils autonomer und teilautonomer Fahrzeuge ein klares Wachstumspotenzial. Jüngste Untersuchungen von Arete zeigen einen Anstieg des Komponentenanteils von 310 USD pro Leichtfahrzeug im Jahr 2015 auf 397 USD pro Fahrzeug im Jahr 2019, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 6,4% entspricht. Dieser Anstieg dürfte sich in den nächsten fünf Jahren auf 630 USD pro Fahrzeug ausweiten, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von nahezu 10% entspricht. Weder die historischen noch die prognostizierten Wachstumsraten entsprechen jedoch der Zuwachsrate im Softwarebereich, in dem eine Wachstumsrate von 10-15% mittlerweile als unbedeutend gilt und durchaus 30% übersteigen kann.

Das Problem in der Automobil-Halbleiterindustrie liegt vielmehr in der fehlenden Produktionskapazität, insbesondere bei den 8-Zoll-Wafer-Fabriken. Das führte wiederum zu einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und damit zu Engpässen bei den Bauteilen, sowie zu der Überzeugung, dass die Lage in diesem Sektor nur noch besser werden kann. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Sobald das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ausgeglichen ist, setzt die Normalisierung ein. Aus diesem Grund erscheint es uns schwierig, in diesem Sektor auf der Grundlage langfristiger branchenimmanenter Bewertungen Mehrwert zu finden.

Ob 5G, IoT, Daten oder KI – Digital 4.0 bietet attraktive Anlagemöglichkeiten

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Halbleiterwerte völlig uninteressant sind. In der Tat erkennen wir attraktive Möglichkeiten bei Unternehmen, die der vierten digitalen Säule – Digital 4.0 – zuzuordnen sind. Insbesondere Unternehmen, die in den Bereichen 5G, dem Internet der Dinge (IoT), Daten und künstliche Intelligenz (KI) tätig sind, könnten ein überzeugendes Anlagepotenzial bieten, wobei die Auswahl der Unternehmen eindeutig nach ihrer thematischen Ausrichtung und nicht nach ihrer Branchenzugehörigkeit erfolgen sollte.

GAM ist eine unabhängige, reine Vermögensverwaltungsgruppe. Per 30. Juni 2021 hat GAM 652 Vollzeitbeschäftigte in 15 Ländern und verwaltet Vermögen in Höhe von CHF 126,0 Milliarden (USD 136,3 Milliarden). Die Gruppe betreibt Anlagezentren in London, Cambridge, Zürich, Hongkong, New York, Mailand und Lugano.

AS
Geldanlage
Geldanlage Wie eine Familienstiftung vor staatlicher Enteignung schützt

Parteien und Gewerkschafter fordern immer wieder eine Vermögensabgabe. Wer sich davor schützen möchte, dem raten Experten zu einer...

AS
Geldanlage
Geldanlage Darum ist die Inflation in der Schweiz so gering

In der Schweiz steigen die Verbraucherpreise bloß moderat, davon können andere Europäer nur träumen. Was machen die Schweizer besser...

AS
Immobilien
Immobilien BGH urteilt bald zu Selbstbeteiligungs-Zwist unter Eigentümern

Feuer, Wasser, Sturm: Eine Gebäudeversicherung wird immer für die gesamte Wohnanlage abgeschlossen. In Eigentümergemeinschaften...

AS
Geldanlage
Geldanlage Bankenpräsident Sewing: Branche hat Gefahr von „Greenwashing“ erkannt

Der Klimawandel fordert auch die Finanzbranche. Die Nachfrage nach „grünen“ Anlagen steigt, der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in...

AS
Geldanlage
Geldanlage Kommt eine neue Weltordnung – und wie können Anleger reagieren?

Mit China und Russland bildet sich ein neuer Gegenpol zu den USA. Anleger können sich gegen die geopolitischen Risiken nicht bloß durch...

AS
Immobilien
Immobilien „Böses Erwachen“ für viele Immobilieninteressenten

Die Immobilienzinsen werden nach Einschätzung von Experten noch weiter steigen. Dabei haben sich die Kosten für die Finanzierung eines...

AS
Vorsorge
Vorsorge Gaskrise: Wie Verbraucher viel Geld sparen können

Die Gaspreise ziehen scharf an. Wer mit Erdgas heizt, dem drohen tausende Euro an Zusatzkosten. Verbraucher können bereits jetzt...

AS
Börse
Börse Zahlungsausfall: Warum Russland nicht zahlen kann – und was die Folgen sind

Russland kann seine Auslandsschulden erstmals seit der Russischen Revolution von 1917 nicht bedienen. Wie es dazu kam und was das für...

AS
Vorsorge
Vorsorge Was können wir vom Schweizer Rentensystem lernen?

Für die deutsche Altersvorsorge sieht es düster aus. Das belegen Statistiken mittlerweile zu hunderten. Vielleicht hilft ein Blick zu...

AS
Börse
Börse Top-Ökonom: Rezession droht „vor Ende des nächsten Jahres“

Der frühere US-Finanzminister Larry Summers rechnet mit einem Einbruch der US-Wirtschaft vor Ende 2023. Auch in Deutschland schlagen immer...

AS
Geldanlage
Geldanlage Welche Anlagestrategie in einer Krise am besten schützt

Value, Growth oder doch Momentum? Forscher haben für die Krisen der vergangenen 30 Jahre untersucht, welche Anlagestile am besten...

AS
Geldanlage
Geldanlage Gold: Warum das Edelmetall nur bedingt als Inflationsschutz taugt

Die Inflation ist zurück. Sie lässt in der Eurozone die Verbraucherpreise rasant ansteigen. Die richtige Zeit, um sein Erspartes in Gold...