Vorsorge

Ende der Zinsflaute: Licht und Schatten der EZB-Entscheidung

Lesezeit: 3 min
21.07.2022 17:29
Erstmals seit elf Jahren will die Europäische Zentralbank wieder die Zinsen erhöhen. Sparer sehnen die Zinswende seit langem herbei. Ein solcher Schritt hat allerdings auch Schattenseiten.
Ende der Zinsflaute: Licht und Schatten der EZB-Entscheidung
Die EZB-Zinswende: Eine Zeitenwende für Sparer? (Foto: dpa)
Foto: Frank Rumpenhorst

Die Rekordinflation im Euroraum zwingt Europas Währungshüter zum Handeln. Erstmals seit elf Jahren hat die Europäische Zentralbank (EZB) wieder die Zinsen erhöht - und zwar unerwartet kräftig um 0,50 Prozentpunkte. Damit entfällt auch der Negativzins für geparkte Gelder von Geschäftsbanken. Es dürfte der Anfang einer Serie von Zinserhöhungen sein.

Können Verbraucher auf sinkende Inflationsraten hoffen?

Die Menschen in Deutschland und im Euroraum können sich angesichts steigender Inflationsraten zunehmend weniger für einen Euro leisten. Auf eine schnelle Entspannung bei den Preisen sollten sie allerdings auch nach einer Zinserhöhung zunächst nicht hoffen. Zwar dämpften Tankrabatt und 9-Euro-Ticket den Preisauftrieb zumindest in Deutschland im Juni etwas. Spätestens nach dem Ende der auf drei Monate befristeten Maßnahmen sollte die Inflation aber wieder nach oben springen, erwartet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: «Das gilt umso mehr, als die deutschen Unternehmen die massiv gestiegenen Materialkosten noch lange nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben.» Jörg Zeuner, Chefvolkswirt des Fondsanbieters Union Investment, erwartet zudem, dass die Preissteigerungen im Energiebereich und bei Lebensmitteln immer stärker auf andere Güter und Dienstleistungen umgelegt werden.

Was treibt die Inflation an?

Seit Monaten treiben stark gestiegene Energiepreise die Inflation an. Dieser Trend verschärfte sich noch durch den russischen Angriff auf die Ukraine. Zudem hat die Industrie seit der Corona-Pandemie damit zu kämpfen, dass Lieferketten nicht reibungslos funktionieren, auch weil es in China teilweise immer wieder zu Lockdowns kommt. Im Juni erreichte die Inflation im Euroraum mit 8,6 Prozent den höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung als Buchgeld 1999.

Was bringt eine Zinserhöhung?

Gegen steigende Energiepreise sind Europas Währungshüter weitgehend machtlos. Die Notenbank kann aber dazu beitragen, dass sich die Teuerungsrate nicht dauerhaft auf hohem Niveau festsetzt. «Je zögerlicher die Geldpolitik jetzt handelt, desto mehr läuft sie Gefahr, in eine Situation zu geraten, in der sie später umso abrupter und stärker straffen müsste, um Preisstabilität zu gewährleisten», warnte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel jüngst. Sorgen bereiten den Notenbankern mögliche Zweitrundeneffekten wie eine Lohn-Preis-Spirale. Steigen die Löhne als Reaktion auf die hohe Inflation zu stark, könnte das die Preise weiter nach oben treiben, weil Unternehmen gestiegene Löhne als Rechtfertigung von weiteren Preiserhöhungen heranziehen. Löhne und Preise schaukeln sich dann gegenseitig hoch.

Was bedeuten Zinserhöhungen für Sparer?

Erste Banken haben die Zinsen für Tages- oder Festgeld bereits erhöht. Bis das Gros der Sparer nennenswerte Zinsen bekommt, dürfte es aber noch eine Weile dauern. Immerhin haben die ersten Kreditinstitute Negativzinsen auf dem Tagesgeld- oder Girokonto schon abgeschafft. Zuletzt mussten Banken 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Dieser Negativzins entfällt mit der aktuellen EZB-Entscheidung.



Viele Institute hatten diese Belastung an Privatkunden ab bestimmten Summen auf dem Konto als sogenanntes Verwahrentgelt weitergegeben. «Nachdem die Banken selbst nun keine Strafzinsen mehr auf ihre überschüssigen Einlagen bezahlen müssen, dürften im nächsten Schritt auch die sogenannten Verwahrentgelte für Sparer auf breiter Front wegfallen», sagte Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Direkt nach der EZB-Entscheidung kündigte beispielsweise die ING Deutschland an, das Verwahrentgelt zum 1. August gänzlich abzuschaffen.

Welche Folgen hat eine straffere Geldpolitik für Kreditnehmer?

Für sie wird es absehbar teurer. Steigende Zinsen erhöhen die Kosten für Kredite und bremsen so die Nachfrage. Das hilft dabei, die Inflation im Griff zu behalten. «Häuslebauer, Unternehmen und Staaten müssen sich jetzt darauf einstellen, dass Kredite nicht mehr nahezu kostenlos zu haben sind», sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Die Bauzinsen, die sich an der Verzinsung von Bundesanleihen orientieren, sind bereits deutlich gestiegen. «Die Durchschnittszinsen für zehnjährige Baufinanzierungen haben sich ausgehend von 0,8 Prozent zum Jahresstart fast vervierfacht und sind auf über drei Prozent geklettert», berichtet Ingo Foitzik, Geschäftsführer Baufinanzierung beim Vergleichsportal Check24. Höhere Zinsen treffen diejenigen, die ein neues Darlehen brauchen oder eine Anschlussfinanzierung für einen Immobilienkredit. Ein Beispiel: Wer Anfang 2022 einen zehn Jahre laufenden Immobilienkredit über 400 000 Euro mit einem Zinssatz von 0,8 Prozent und einer Anfangstilgung von 2 Prozent abschloss, muss dafür monatlich 933 Euro zahlen. Bei einem Abschluss eines solchen Darlehens im Juni sind es monatlich 1667 Euro. Bei laufenden Hypothekenkrediten ändert sich nichts.

Welche Chancen bieten sich für Lebensversicherungskunden?

Die Zinsen am Kapitalmarkt sind bereits in Erwartung einer strafferen Geldpolitik gestiegen. Doch bis Kundinnen und Kunden von Lebensversicherungen davon profitieren, dürfte es noch eine Weile dauern. Branchenexperten erwarten, dass Lebensversicherer zunächst sogenannte stille Lasten in der Bilanz abbauen, die durch die Zinswende entstehen, statt die Überschussbeteiligung zu erhöhen. Die Überschussbeteiligung, die Assekuranzen je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu festsetzen, ist ein wichtiger Teil der laufenden Verzinsung des Altersvorsorgeklassikers.

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Altersvorsorge-neu-gedacht.de ist eine Publikation von Bonnier Business Press Deutschland und ist Ratgeber zu den Themen Vorsorge und Geldanlage.

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