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China: COVID-19 geht – Spannungen mit den USA bleiben

Lesezeit: 7 min
13.10.2020 07:47  Aktualisiert: 13.10.2020 07:47
Chinas Wirtschaft erholt sich vom Corona-Schock des ersten Halbjahres 2020. Für Hong Kong gibt es jedoch gedämpfte Aussichten.
China: COVID-19 geht – Spannungen mit den USA bleiben
Das Leben in China normalisiert sich zusehends in immer mehr Bereichen. (Foto: Pixabay)

Analyse von Stefan Breintner, stellvertretender Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG:

Seit Jahren reisen wir nach China, um Unternehmensvertreter und Experten vor Ort zu treffen sowie neue Erkenntnisse über die global zweitgrößte Volkswirtschaft zu erlangen. Corona-bedingt war eine Reise im Jahr 2020 zwar nicht möglich, allerdings gab es virtuelle Alternativen für die mitunter wichtigsten Investoren-Konferenzen des asiatisch-pazifischen Raums. Ein Überblick:

Chinas Rückkehr zur Normalität

Chinas Wirtschaft erholt sich weiter vom Corona-Schock des ersten Quartals bzw. ersten Halbjahres 2020. In den vergangenen Monaten gab es in Festland-China praktisch kaum Neuinfektionen, nachdem das Rekordhoch im Februar erreicht wurde. Das Leben normalisiert sich daher zusehends in immer mehr Bereichen. Stationäre Einzelhandelsumsätze erholen sich, wenngleich die Online-Umsätze weiterhin deutlich stärker wachsen. Restaurants in größeren Städten sind oftmals wieder zu mehr als

90 Prozent ausgelastet, Großveranstaltungen wie Hochzeiten oder Messen finden wieder statt und auch die Reisetätigkeit nimmt zu.

Macau könnte bald vom anziehenden Inlandstourismus profitieren

Aufgrund des Verbotes von Auslandsreisen unternehmen Chinesen jedoch überwiegend Kurz-Trips innerhalb Chinas bzw. innerhalb der jeweiligen chinesischen Provinz. Präferierte Unterkünfte sind vor allem Luxushotels, da diese nach Ansicht der meisten Touristen ein besseres Hygienekonzept haben. Regionen, die hiervon aktuell stark profitieren sind zum Beispiel Hainan und wohl bald auch wieder die Sonderverwaltungszone Macau, die sich perfekt für Kurzurlaube eignet. Die meisten Macau-Besucher kommen aus der benachbarten Guangdong-Provinz, diese hat vor Kurzem die Quarantäne-Pflicht bei Wiedereinreise von Macau aufgehoben.

Demzufolge ist es denkbar, dass es während der „Golden-Week“ Anfang Oktober zu einem deutlichen Anstieg der Besucherzahlen und damit auch der Glücksspielerlöse kommt. Hiervon würden die in Macau ansässigen Casino- und Resort-Betreiber profitieren, die allesamt sehr schwierige Monate hinter sich haben. Deren Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2020 dürften erneut schlecht ausfallen – mit dem vierten Quartal könnte dann Besserung eintreten. Längerfristig bleibt Macau ohnehin sehr interessant und es erscheint realistisch, dass die Zentralregierung in Peking ein großes Interesse an einem Erfolg der zweiten Sonderwirtschaftszone neben Hong Kong hat. Zudem will man eine Unzufriedenheit der Bevölkerung vermeiden, um keine Unruhen wie in Hong Kong zu riskieren.

Hong Kong: gedämpfte Aussichten

Die wirtschaftliche Erholung Hong Kongs dürfte sich nach den Corona-Maßnahmen und den Ausschreitungen generell deutlich länger hinziehen. Das Wegbleiben der chinesischen Touristen und der Investoren vom chinesischen Festland belastet die Metropole enorm. Die Immobilienpreise in Hong Kong dürften daher zunächst einmal weiter fallen. Vom Hoch haben die tatsächlichen Transaktionspreise wohl inzwischen mehr als 20 Prozent nachgegeben.

Eine schnelle Erholung der Umsätze der Einzelhändler im Jahr 2021 ist aus heutiger Sicht genauso unrealistisch wie eine schnelle Rückkehr der Touristen aus Festland-China. Immobiliengesellschaften mit Hongkong-Schwerpunkt, Betreiber von Hotels oder Restaurants, sowie Einzelhändler dürften daher vor einem schwierigen Jahr 2021 stehen. Generell genießt die „Hong Kong“-Politik der chinesischen Zentralregierung auf dem Festland einen großen Rückhalt. Festland-Chinesen sehen die Proteste überwiegend als einen Angriff auf sich und China. Länder oder Städte, die sich gegen China wenden, werden von chinesischen Touristen in der Regel auf Jahre gemieden.

Chinesischer Patriotismus unter Xi Jinping gestärkt

Auch das Management der Corona-Krise durch Xi Jinping bzw. durch die chinesische Zentralregierung findet großen Zuspruch in der Bevölkerung. So gilt der führende chinesische Virologe Zhong Nanshan in China als Held, während sein US-Pendant Dr. Fauci von US-Präsident Trump oftmals an den Pranger gestellt wurde. Insgesamt scheinen die chinesische Zentralregierung und damit auch die kommunistische Partei einen viel größeren Rückhalt in der Bevölkerung zu haben, als westliche Medien annehmen bzw. berichten. Der Patriotismus in China hat unter Xi Jinping zugenommen.

Steigende Binnennachfrage beflügelt Luxussektor

Chinesen kaufen generell vermehrt heimische Produkte, ausgewählte „domestic brands“ sind klar auf dem Vormarsch. Diese Tendenz dürfte sich fortsetzen, was wiederum zukünftig Gegenwind für viele westliche bzw. US-Konsumgüterhersteller impliziert, da deren Produkte auf dem oftmals hochprofitablen chinesischen Markt weniger nachgefragt werden könnten. Ausgenommen hiervon dürften allerdings die Hersteller qualitativ hochwertiger Luxusartikel sein. Chinesische Konsumenten sind generell die mit Abstand wichtigste Kundengruppe der großen Luxuskonzerne. Der Absatz in China boomt aktuell, teure Handtaschen & Co. sind sehr gefragt. Während diese früher gerne in Mailand, Paris, London oder New York gekauft wurden, hat sich der Absatz durch Corona komplett ins Inland verlagert. Betreiber von Luxusmalls in Tier-1-Städten wie Shanghai berichten daher von aktuell sehr guten Geschäften.

Generell dürfte der wachsende Binnenkonsum in den nächsten Jahren der wichtigste Treiber und gleichzeitig auch Stabilisator des chinesischen Wirtschaftswachstums sein. Der Konsum steht aktuell für ca. 38 Prozent des chinesischen BIP. In westlichen Industrienationen beträgt dieser Anteil oft bei bis zu 70 Prozent, in den USA sogar etwas mehr. China will mit der Fokussierung auf den Binnenkonsum und gezielten Förderung spezifischer Regionen und Technologien die eigene Wirtschaft unabhängiger vom Ausland machen. Die Förderung der Unabhängigkeit dürfte auch ein erklärtes Ziel im kommenden 14. Fünf-Jahresplan sein, der im März 2021 verabschiedet wird.

Handelskonflikt USA-China: Keine Kehrtwende in Sicht

Auch unter einer möglichen neuen US-Präsidentschaft Bidens dürften die Spannungen zwischen China und den USA bestehen bleiben. COVID-19 wird früher oder später in China verschwinden, die Spannungen mit den USA dagegen werden bleiben. Allerdings könnte der Ton zwischen beiden Seiten im Falle einer Biden-Wahl moderater werden. Eines der wichtigsten strategischen Ziele im kommenden Fünf-Jahresplan dürfte neben einer massiven Stärkung der Binnennachfrage darin liegen, dass China bei wichtigen (Energie-)Rohstoffen und bei technologischen Schlüsselkomponenten wie z.B. Hochleistungscomputerchips zunehmend autark, also kaum mehr abhängig vom Ausland, wird. Im Mittelpunkt des Konflikts mit den USA dürfte daher in den kommenden Jahren das Streben nach Technologieführerschaft bleiben: „Semiconductors are the battleground“ war ein Satz, den man von vielen Experten immer wieder hörte. Die mittel- bis längerfristigen Folgen für die Chipbranche, insbesondere für die großen US-Chipproduzenten (China-Umsätze oft deutlich über 20 Prozent) sind sehr schwer abzuschätzen. Sollten die USA ihre so genannte Blacklist neben Huawei um weitere bedeutende chinesische Technologieunternehmen erweitern, dürften entsprechende Antworten der chinesischen Seite folgen. Ein Profiteur dieser Entwicklung wären dann mitunter südkoreanische oder japanische Chipproduzenten. Im Moment verhält sich China strategisch und sehr zurückhaltend mit Antworten auf Trumps Politik, allerdings könnte dies nach dem US-Wahlkampf anders aussehen.

Verstärkte Infrastruktur-Investitionen im Inland

Trotz der Tatsache, dass China die Corona-Krise besser bzw. effektiver gemanagt hat als die meisten anderen Ländern und auch die jüngsten Wirtschaftsdaten überzeugten, gibt es im Hinblick auf das erwartete Wachstum für 2021 zahlreiche Unsicherheiten. Aktuell liegen die Wachstumsprognosen für das chinesische BIP in 2021 bei ca. 8,4 Prozent (nach ca. +2,7 Prozent für 2020). Zur Sicherstellung des Wachstums wird die chinesische Regierung auch 2021 auf Stimulierungsmaßnahmen zurückgreifen. Wie schon in vielen Jahren zuvor werden daher auch im kommenden Jahr viele Milliarden Renminbi in Infrastrukturprojekte fließen. Viele Lokalregierungen bereiten aktuell zahlreiche neue Projekte vor, die schnell genehmigt und umgesetzt werden sollen. Dabei scheint sich China aktuell verstärkt auf Projekte im Inland und weniger auf multinationale Projekte wie die „Belt and Road Initiative“, auch als „neue Seidenstraße“ bekannt, zu konzentrieren.

Besonders aussichtsreich: Erneuerbare Energien

Im Fokus stehen neben einer weiteren Verbesserung der Transportinfrastruktur verstärkte Investitionen in den Gesundheitssektor. Dieser wächst in etwa doppelt so stark wie das chinesische BIP. Wachstumsraten in Teil-Bereichen wie Telemedizin liegen aktuell bei über 35 Prozent. Auch Investitionen in den Ausbau des flächendeckenden 5G-Netzes und in die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge stehen oben auf der Agenda. Der Absatz von Elektroautos in China dürfte in den nächsten Jahren rund 25 bis 30 Prozent p.a. wachsen.

Geplant sind auch gigantische Investitionen in Erneuerbare Energien, vornehmlich Solar- und Windenergie. Dies erscheint plausibel, da man so dem Ziel einer geringeren Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland näherkommt. Der Bereich der Erneuerbaren Energien bzw. „Cleantech“-Sektors ist ein aussichtsreiches Segment. Generell gehen erhöhte Infrastrukturausgaben auch einher mit einer steigenden Metall- bzw. Rohstoffnachfrage – was sich wiederum positiv auf den Rohstoff- bzw. Basic Resources-Sektor auswirken könnte.

Über die Dr. Jens Ehrhardt Gruppe: Die DJE Kapital AG ist seit 45 Jahren als unabhängige Vermögensverwaltung am Kapitalmarkt aktiv. Das Unternehmen aus Pullach bei München verwaltet mit rund 145 Mitarbeitern (davon rund 25 Fondsmanager und Analysten) aktuell über 13 Milliarden Euro (Stand: 30.06.2020) in den Bereichen individuelle Vermögensverwaltung, institutionelles Asset Management sowie Publikumsfonds.

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