Börse

Märkte: Keine Crashgefahr, solange sich Notenbanken verschulden können

Lesezeit: 6 min
12.11.2020 16:50  Aktualisiert: 12.11.2020 16:50
Der Vorstandsvorsitzende des unabhängigen Vermögensverwalters DJE, Dr. Jens Ehrhardt, blickt mit Zuversicht auf die kommenden fünf Börsen-Jahre. Solange sich die Notenbanken unbegrenzt verschulden könnten, sei kein Crash in Sicht.
Märkte: Keine Crashgefahr, solange sich Notenbanken verschulden können
Der Ausblick auf 2025 ist trotz Corona-Pandemie positiv. (Foto: Pixabay)

Dr. Jens Ehrhardt blickt mit Optimismus auf die kommenden fünf Jahre. Dafür spricht aus seiner Sicht zum einen die angesichts der expansiven Geld- und Fiskalpolitik in den großen Wirtschaftsregionen monetär günstige Situation. Zum anderen bewegen langwellige Trends und Themen die Märkte, darunter Erneuerbare Energien, Elektromobilität und Digitalisierung, welche an den Börsen Akzente setzen werden.

Wie werden sich Wirtschaft und Finanzmärkte in den kommenden fünf Jahren entwickeln?

Mittelfristig bin ich für die Börsen und auch die Wirtschaft positiv gestimmt und rechne mit neuen Höchstständen. Die Zinsen sind tief, und die Nachrichten dürften auch wieder besser werden. Die monetären Einflüsse wirken am stärksten. Solange sich die Notenbanken unbegrenzt verschulden können, ist kein Crash in Sicht. Auch wenn das angesichts der Gewinnrückgänge und der wieder steigenden COVID-Infektionszahlen etwas deplatziert wirkt, lasse ich mich von meinem mittelfristigen Optimismus nicht abbringen.

Diese Stimmung dämpfen könnte nur ein Konjunktureinbruch trotz der starken Stimulus-Maßnahmen. Dann gäbe es eine Wirtschaftskrise wie in den 1920er-Jahren, und das hoch 3. Diese könnte man nur mit US-Staatsanleihen halbwegs unbeschadet überleben. Aber ein solches düsteres Szenario erwarte ich nicht. Die vielen Impulse der Notenbanken und Regierungen müssten die Konjunktur im nächsten Jahr in Schwung bringen.

Was sind Ihre Aussichten – bezogen auf den Zeitraum bis 2025 – für folgende Anlageklassen? Und welche durchschnittliche Rendite p.a. erwarten Sie für jede dieser Anlageklassen?

Aktien –Aktien bleiben für uns mittel- bis langfristig generell die bevorzugte Analageklasse. Aufgrund des vorherrschenden Niedrigzinsumfelds und einer weiter sehr expansiven Notenbankpolitik sowohl in den USA als auch Europa und Japan bleiben Aktienanlagen generell stark unterstützt.

Blickt man auf die letzten 5 Jahre zurück, ergibt sich eine jährliche Rendite des Weltaktienindex MSCI World in USD in Höhe von 9,38% (Zeitraum 2015-19). Derart hohe durchschnittliche Wertsteigerungen – fast 10% p.a. – in einem Zeitraum von fünf Jahren darf man natürlich nicht für die Zukunft fortschreiben und sollte man auch nicht erwarten.

In den vergangenen 20 Jahren (also seit Oktober 2000) lag die durchschnittliche jährliche Rendite des weltweiten Aktienmarkts (wieder gemessen am MSCI World in USD) übrigens bei ca. 5,7%. Eine Renditeannahme für Aktieninvestments im Bereich von 6% pro Jahr erscheint auch mit Blick auf die kommenden Jahre als durchaus realistisch.

Anleihen – (US-)Staatsanleihen dürften generell nur dann interessant sein, wenn die Konjunktur stark einbricht. Die US-Notenbank hat sich bereits klar festgelegt, dass die Zinsen bis mindestens Ende 2023 tief bleiben werden.

In Tiefzinszeiten wie aktuell fallen Anleihen als zweite wichtige Vermögensform mehr oder minder aus, Aktien und Gold sind daher chancenreicher.

Bei Unternehmensanleihen gibt es sicher immer wieder Chancen, die man auch wahrnehmen sollte, sofern man die entsprechenden Unternehmen gut kennt und die Risiken einschätzen kann.

Rohstoffe – Industriemetalle wie Kupfer oder Nickel bleiben chancenreich. Der Grund dafür liegt in den zu erwartenden massiven Stimuli in Form von Infrastrukturinvestitionen und im Ausbau Erneuerbarer Energien rund um den Globus. Dazu kommt die zunehmende Elektromobilität. Auch Eisenerz ist durch die sehr hohe China-Nachfrage weiter gut unterstützt.

Wir mögen auch Edelmetalle, vor allem Gold. Gold sollte durch die wohl auf absehbare Zeit tiefen bzw. negativen Realzinsen gut unterstützt sein. Vor dem Hintergrund von weltweit negativ verzinsten Anleihen im Volumen von mehr als 16.000 Mrd. USD ist Gold sicher die interessantere Anlagealternative.

Immobilien, Alternative Assets – Die Immobilienpreise sind in Regionen wie München sicher schon sehr hoch, und in solchen Hochpreisregionen besteht wenig Fantasie. Aufpassen muss man sicher bei Gewerbe- und Büroimmobilien (Stichwort Internetkäufe und Home Office). Hier erscheinen selektiv Preisrückgänge denkbar. Am interessantesten dürften aktuell gute Logistikstandorte sein.

Bei welchen Sektoren, Ländern oder Themen sehen Sie bis 2025 die größten Chancen?

Cleantech / Erneuerbare Energien / ESG – Als chancenreich erachten wir „grüne“ Aktien wie Windturbinenhersteller, Betreiber von Wind- und Solarparks, Wasserstoffproduzenten sowie alles rund ums Thema Elektroauto. Grüne Projekte werden vor allem in Europa, aber auch weltweit stark vorangetrieben. Auch China hat als Ziel ausgeben, bis 2060 CO2 neutral sein zu wollen und wird hierfür massiv in Wind- und Solar investieren. Der sog. Cleantech-Sektor hat daher eine sehr gute strukturelle Wachstumsperspektive. Zusätzlich wird wohl viel neues Geld durch ESG-Anleger und durch ETFs in diesen Bereich fließen

Technologie / Internet / E-Commerce (+ hierfür benötigte Infrastruktur) – Für die Digitalisierung wirkte COVID-19 wie ein Brandbeschleuniger. Viele Technologie-Unternehmen übernehmen dabei eine neue Rolle als „Versorger“ mit Dienstleistungen, ohne die viele Unternehmen und Verbraucher nicht mehr arbeiten bzw. leben wollen: Cloud, Streaming, Dating, Breitband, Cybersicherheit etc. Eine robuste digitale Infrastruktur ist dafür unverzichtbar. Corona hat auch den Konsum massiv verändert. E-Commerce und digitales Bezahlen erleben einen außerordentlichen Boom. All dies dürfte sich langfristig manifestieren

Infrastruktur – Positiv sehen wir auch Infrastruktur, da die Regierungen viel Geld ausgeben, um die Konjunktur zu beleben, in Europa vor allem wie bereits erwähnt „grüne“ Projekte. Zudem dürften die Corona-Erfahrungen dazu beitragen, ganze Produktionsketten wieder nach Europa zurückzuholen – Stichwort „Reshoring“. Auch der Aufbau einer Ladeinfrastruktur für Elektroautos in Europa / USA, etc. bringt für viele Zulieferer in diesem Segment Chancen

Versicherungen / Rückversicherer – Neben Banken und Ölaktien schnitten auch Versicherungsaktien in Europa in diesem Jahr schlecht ab. Hintergrund waren die gesunkenen Zinssätze (weniger Einnahmen aus Kapitalerträgen). Aber auch Sonderbelastungen, von Börsenschwäche bis Corona, führten zu Versicherungsauszahlungen. Hinzu kam, dass Anleger generell defensive Papiere in Erwartung eines Konjunkturaufschwungs in zyklische Aktien tauschen. Inzwischen sind europäische Versicherungen (besonders Rückversicherungen) aber preiswert, und die Gewinnaussichten dürften im Hinblick auf deutliche Prämiensteigerungen günstiger sein als die gefallenen Aktienkurse glauben machen.

Was haben Investoren heute noch nicht auf dem Radar, was bis 2025 wichtig werden könnte?

  • Massiv steigende Corona-Neuinfektionen in Europa und ein mehrere Monate lange dauernder neuer Lockdown in den wichtigsten europäischen Volkswirtschaften scheinen nicht eingepreist.
  • Die Pandemie hat Millionen von Menschen in die Armut getrieben, in vielen Ländern gibt es wieder Hungersnöte; daher erscheint auch das Aufleben neuer und vielleicht noch viel größerer Migrationsströme in den kommenden Jahren realistisch.
  • Geopolitisch: Sollte China stärker nach Taiwan greifen und versuchen, die Kontrolle über den taiwanesischen Chip-Auftragsfertiger TSMC zu bekommen, wird der Konflikt mit den USA eine neue Dimension erreichen. Auch könnte Putin mit Weißrussland einen weiteren Pufferstaat verlieren.
  • Das Thema: „Inequality“ (Ungleichheit) in den USA. Das Land ist inzwischen tief gespalten, und der Reichtum ist ungleich verteilt. Wenn dies so weitergeht dann könnte es in den USA auch einmal zu noch schlimmeren Unruhen kommen.

Die DJE Kapital AG ist seit 45 Jahren als unabhängige Vermögensverwaltung am Kapitalmarkt aktiv. Das Unternehmen aus Pullach bei München verwaltet mit rund 150 Mitarbeitern (davon rund 25 Fondsmanager und Analysten) aktuell über 13,4 Milliarden Euro (Stand: 30.09.2020) in den Bereichen individuelle Vermögensverwaltung, institutionelles Asset Management sowie Publikumsfonds. Gründer und Vorstandsvorsitzender ist Dr. Jens Ehrhardt, sein Stellvertreter Dr. Jan Ehrhardt. Kern des Anlageprozesses und aller Investmententscheidungen ist die FMM-Methode (fundamental, monetär, markttechnisch), welche auf dem hauseigenen, unabhängigen Research basiert.

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