Börse

Die Welle des Aufschwungs rollt heran

Lesezeit: 5 min
09.02.2021 17:54  Aktualisiert: 09.02.2021 17:54
Die Sparquote liegt global gesehen sehr hoch. Wenn sich die Möglichkeiten ergeben, wird dieses Polster an Ersparnissen wieder in einen Strom aus Investitionen und Konsumausgaben fließen.
Die Welle des Aufschwungs rollt heran
Wann werden die Ersparnisse wieder in den Markt fließen? (Foto: Pixabay)

Analyse von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE:

So wie sich in Europa im Winter die Wasserreserven wieder auffüllen, aus denen sich das Leben speist, bewirkt die enorme, von den Zentralbanken im Laufe dieses langen Winters der Pandemie in die Märkte gepumpte Liquidität gleichermaßen, dass sich die Ersparnisse eines Großteils der Bevölkerung wieder aufbauen – wenn auch leider bei weitem nicht die von allen. So stieg die Sparquote der Amerikaner von durchschnittlich 7 % im April 2020 auf einen Spitzenwert von 33 %. Sie ging seitdem zwar wieder zurück, lag Ende Dezember jedoch immer noch bei über 13 %. Über ein Jahr kumuliert stellt dies ein enormes Polster an Ersparnissen dar, das zu gegebener Zeit in einen Strom aus Investitionen und Konsumausgaben fließen wird – teilweise übrigens über eine Website, die passenderweise einen großen Fluss zum Namensvetter hat. Trotz der Notlage eines Teils der Bevölkerung steht Europa dem in nichts nach: Nach einem Höchststand von 25 % im Frühjahr liegt die Sparquote gegenwärtig weiterhin bei über 16 %, gegenüber einem langfristigen Durchschnitt von rund 12 % (Quelle: Goldman Sachs Global Investment Research und Haver Analytics). Die Beschränkungen der Mobilität und des Konsums erklären diesen quasi „erzwungenen“ Sparüberschuss zu großen Teilen – vor allem, wenn sie wie in den USA mit direkten Hilfsschecks für private Haushalte einhergehen.

Aufschwungs-Euphorie: Schwache Wirtschaftsdaten lassen Märkte relativ kalt

Aus diesem riesigen Reservoir sind erste Abflüsse zu verzeichnen. So stieg zum Beispiel das Volumen der Börsentransaktionen von Privatanlegern so stark an, dass sie inzwischen einen erheblichen Teil des Handelsvolumens von US-Aktien ausmachen, während der Anteil zuvor relativ unbedeutend war. Besonders deutlich zu spüren ist dieser Volumenzuwachs im Bereich der Small Caps. Das „Gamestop“-Phänomen ist hieran nicht unbeteiligt: Die Aktie des schwächelnden US-Unternehmens stieg im Januar um mehr als 1.700 %, um dann binnen weniger Tage fast alle Gewinne wieder abzugeben.

Die Erwartung eines kommenden Aufschwungs lässt sich auch an der geringen Empfindlichkeit des Marktes gegenüber den enttäuschenden Wirtschaftsdaten der vergangenen Woche ablesen. Die Aktivität im chinesischen Dienstleistungssektor (Caixin-Einkaufsmanagerindex) beispielsweise lag deutlich unter den Erwartungen, was den chinesischen Aktien jedoch kaum zusetzte. Zwar ist dieses mit den neuen Lockdowns in einigen Regionen verbundene „Luftloch“ nicht hausgemacht, aber es wäre vermutlich besorgniserregender gewesen, wenn die Erwartungen für einen Boom weniger unerschütterlich wären.

Wann werden die Schleusen ganz geöffnet, und wie stark wird der Strom sein? Niemand kann dies mit Gewissheit vorhersagen, doch es scheint, als sei es bald so weit. Insbesondere in den USA kommt die Impfkampagne rasch voran, und fast überall geht das Tempo der Neuinfektionen stark zurück. In mehreren Regionen der USA werden die Beschränkungen gelockert. Italien, obschon schwer getroffen, öffnet einige Einrichtungen wieder. Die Welle des Aufschwungs rollt heran, und sie wird nachhaltiger sein als der Aufschwung in Europa im vergangenen Sommer, der bereits eine kräftige Erholung der Aktivität mit sich brachte.

Aufholbedarf bei Konsum und Investitionen

An der Börse werden diese Ströme die Kurse sicherlich weiter stützen. Durch den neuerlichen Konsum lassen sich historisch hohe Gewinne erwarten, was wiederum Rekordinvestitionen der Unternehmen verheißt. Die zukünftige Entwicklung wird allerdings keineswegs einer sanften Strömung des Amazonas gleichen. Zunächst wird es große Gewinner und gebeutelte Verlierer geben, vor allem in den stark von Corona betroffenen Sektoren. Überdies könnte die bereits jetzt große Begeisterung der Anleger extreme Ausmaße annehmen. Dies würde den Markt auf lange Sicht schwächen – insbesondere in den am stärksten gestiegenen Branchen. Die brodelnde Aktivität könnte darüber hinaus zu ernsthaften Inflationssorgen führen. Dies würde einen Anstieg der Zinssätze bewirken und somit den an Niedrigzinsen gewöhnten Markt destabilisieren.

Zum Glück werden die Schäden durch diese Freisetzung potenzieller Energie gewiss geringer sein als der erwartete explosionsartige Boom. Die mächtigen Institutionen, die für finanzielle Stabilität sorgen, werden alles sehr aufmerksam begleiten – wie Sprengmeister, die kontrolliert Lawinen auslösen. Doch der Lauf der Geschichte wird sich um einiges schneller ändern, als es ohne die Pandemie der Fall gewesen wäre. Das alte Rüstzeug in Form der Institutionen wird hierfür nicht unbedingt geeignet sein. Die kommende wirtschaftliche Schmelze, die möglicherweise mehrere Jahre dauern könnte, wird ertragreich sein. Sie wird jedoch auch Flutwellen auslösen, auf die es sich vorzubereiten gilt.

Die Fondsgesellschaft LFDE wurde 1991 in Frankreich gegründet und konzentriert sich auf Investments in europäische und internationale börsennotierte Unternehmen. LFDE ist in Deutschland, Spanien, Italien, der Schweiz und in den Benelux-Ländern vertreten und verwaltet zum 31.12.2019 Vermögen in Höhe von rund 10 Milliarden Euro.

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