Börse

(Noch) keine Angst vor Blasenbildung!

Lesezeit: 5 min
10.02.2021 18:02  Aktualisiert: 10.02.2021 18:02
Es gibt zahlreiche Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass die Märkte weiterhin nach oben gehen. Die zentrale Frage, die Anleger sich jetzt stellen: Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Verkaufen?
(Noch) keine Angst vor Blasenbildung!
Gibt es Anzeichen für eine Blasenbildung? (Foto: iStock.com/xavigm)
Foto: xavigm

Analyse von Talib Sheikh, Head of Strategy, Multi-Asset bei Jupiter Asset Management:

Wie lange kann diese Rallye anhalten? Impfstoffe, reichlich Liquidität und sich verbessernde Wirtschaftsdaten bieten Nährboden für Optimismus. Ein Blick in das Tal, aus dem die Märkte emporgeklettert sind, kann jedoch durchaus ein Gefühl von Schwindel hervorrufen. Viele Anleger waren nicht ausreichend engagiert und haben Gelegenheiten verpasst – zum jetzigen Zeitpunkt fällt der Kauf schwer. Wir sind der Ansicht, dass die Märkte noch nicht überkauft sind, dass Bewertungen nur wenig Aufschluss über die kurzfristige Performance geben und dass es, bei einem Ausbleiben externer Schocks, noch Spielraum gibt ... noch.

Nach einer solchen Rallye lautet die zentrale Frage, die Anleger sich stellen: Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Verkaufen? Anleger, die untergewichtet in Risikoanlagen waren oder nicht rechtzeitig zyklischere Anlagen erworben haben, um von der Rotation zu profitieren, die wir Ende vergangenen Jahres beobachten konnten, fragen sich, ob sie jetzt investieren können. Die erste Frage lautet, welche entscheidenden Kräfte die Rallye antreiben und ob sie weiter anhalten werden. Wir analysieren anhand eines auf vier Säulen basierenden Rahmenwerks makroökonomische Faktoren, die auf Konjunkturdaten, Geld- und Fiskalpolitik, Anlegerstimmung und Bewertungen wirken. Unsere grundlegende Einschätzung zu Beginn dieses Jahres ist, dass die Rallye kurzfristig anhalten kann, doch wir behalten die Entwicklung genau im Auge.

Starke Fundamentaldaten deuten auf positive Wirtschaftsdynamik

Die Fundamentalindikatoren deuten nach wie vor auf eine positive Wirtschaftsdynamik hin. In den USA sind Verbraucherdaten wie Arbeitsmarktzahlen, Kreditkartenausgaben und Mobilitätsdaten trotz Zunahme der COVID-19-Infektionen weiter stabil. Auch Unternehmensbefragungen liefern ein optimistisches Bild. Der Produktionssektor profitiert von niedrigen Lagerbeständen nach der Krise im Jahr 2020, die derzeit zu einem hohen Produktionsniveau führen. Auf kurze Sicht gibt es Bedenken, dass ein Anstieg der Infektionszahlen Präsident Biden oder Bundeskanzlerin Merkel zu strengeren Lockdowns veranlassen könnte, die mittelfristigen Aussichten erscheinen jedoch solide.

Die starken Fundamentaldaten werden durch eine extrem lockere Geld- und Fiskalpolitik unterstützt. Die Ergebnisse, zu denen die US-Notenbank Fed bei der Überprüfung ihrer Politik im vergangenen Jahr kam, stellen die wichtigste Veränderung im Zentralbankwesen seit den 1970er-Jahren dar. Die Fed und andere Akteure werden künftig nicht mehr versuchen, der Inflation mit aggressiven Vorsichtsmaßnahmen zuvorzukommen, um die finanziellen Rahmenbedingungen abzustecken. Stattdessen werden sie die Konjunktur „heißer laufen lassen“, bis eine Inflation nachgewiesen wird. Unserer Auffassung nach bedeutet dies, dass die lockere Geldpolitik 2021 weitgehend oder sogar für das gesamte Jahr bestehen bleiben dürfte, und Mutmaßungen über eine baldige Straffung verfrüht sind.

US-Konjunkturpaket und Marktstimmung von entscheidender Bedeutung

Zudem hat US-Präsident Biden bereits seine Absicht verkündet, ein enormes Konjunkturpaket zu verabschieden. Auch wenn seine ambitionierten Pläne durch die Mühlen des politischen Prozesses in den USA verwässert werden dürften, wird das letztlich verabschiedete Paket einen bedeutenden Einfluss haben. Auf anderer Ebene herrscht Einigkeit darüber, dass der Sparkurs nach der globalen Finanzkrise ein Fehler war, weshalb weiter eine hohe Bereitschaft für öffentliche Ausgaben besteht. Entscheidend für Anleger ist die Frage, welcher Akteur die Konjunkturanreize voraussichtlich zuerst einstellen wird, und was dies für die regionalen Allokationsentscheidungen bedeutet.

Die Bewertungen sind bei der Prognose kurzfristiger Renditen nicht hilfreich und spielen daher zum aktuellen Zeitpunkt eine geringere Rolle. Es ist die Marktstimmung, in die wir wohl derzeit den Löwenanteil unserer Zeit investieren, um nach Anzeichen für eine Blasenbildung zu suchen. Unsere aktuelle Einschätzung ist, dass die Anleger in den vergangenen Monaten sicherlich optimistischer geworden sind, die Stimmung jedoch noch nicht den Punkt erreicht hat, an dem wir übermäßig besorgt wären. Obwohl die Marktvolatilität stark abgenommen hat, liegt der VIX-Index noch knapp zehn Punkte über seinem Vorjahresstand zu diesem Zeitpunkt, und Kapitalschutz ist nach wie vor ungewöhnlich teuer, was auf eine gewisse Vorsicht der Anleger hindeutet.

Rallye dürfte vorerst anhalten

Wir schließen daraus, dass die Marktstimmung zwar Anlass zu zunehmender Sorge gibt, gehen aber vorbehaltlich eines Ausbleibens externer Schocks davon aus, dass diese Rallye noch Spielraum hat und es noch nicht an der Zeit ist, um nach dem Notausgang zu suchen. Sicher ist es immer schwierig, Vorhersagen über die Lage in sechs Monaten zu treffen, doch wir gehen davon aus, dass die Rallye etwa zur Jahresmitte hin auslaufen dürfte. Das Wirtschaftswachstum befindet sich nach der Krisenphase noch immer auf Erholungskurs, und die Wachstumsdynamik wird sich natürlicherweise abschwächen, je mehr wir uns dem dritten Quartal nähern. Nach der Verabschiedung eines umfassenden Konjunkturpakets wird sich die Regierung unter Joe Biden um den Ausgleich des Haushalts kümmern und Steuererhöhungen – in den USA wie auch anderorts – sind wahrscheinlich. Parallel dazu dürfte die Fed verstärkt Signale über eine Reduzierung der lockeren Geldpolitik senden – voraussichtlich in Form einer Verringerung der Anleihenkäufe im Jahr 2022 statt einer Zinserhöhung. Die Rallye kann nicht ewig weitergehen, dürfte ihren Schwung aber noch eine Weile beibehalten.

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