Vorsorge

Versagen der Politik: Immer mehr Senioren kämpfen mit der Altersarmut

Lesezeit: 3 min
13.11.2020 15:02  Aktualisiert: 13.11.2020 15:02
Die Zahl der verschuldeten Rentner steigt seit Jahren massiv. Schuld daran sind diverse Rentenreformen und das Anwachsen des Niedriglohnsektors. Die steigenden Mieten verschärfen die Entwicklung noch.
Versagen der Politik: Immer mehr Senioren kämpfen mit der Altersarmut
Ältere Menschen, die Flaschen sammeln müssen, um sich die karge Rente aufzubessern, sind keine Seltenheit mehr. (Foto: Pixabay)

Immer mehr alte Menschen in Deutschland können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren mehr als vervierfacht – auf mittlerweile rund 470.000 Betroffene. Das berichtete am 10. November 2020 die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem „Schuldneratlas 2020“. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl aller überschuldeten Personen erhöhte sich im gleichen Zeitraum „nur“ um rund vier Prozent.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten stieg die Zahl der überschuldeten Senioren ab 70 der Studie zufolge um 23 Prozent. Parallel erhöhte sich in der Altersgruppe der 60 bis 69-Jährigen die Zahl der Überschuldungsfälle um 13 Prozent auf rund 725.000. „Das Phänomen der Altersüberschuldung gewinnt noch stärker als in den Vorjahren an Bedeutung“, warnte der Geschäftsführer von Creditreform Boniversum, Michael Goy-Yun.

Tafeln berichten von alarmierenden Anstieg

Mit dieser Einschätzung steht Creditreform nicht allein. Auch die Tafeln in Deutschland berichten über eine wachsende Not bei älteren Mitbürgern. Die Anzahl der Senioren, die bei den Tafeln Lebensmittel abholten, sei „innerhalb nur eines Jahres alarmierend gestiegen“, erklärte der Vorsitzender der Tafel Deutschland, Jochen Brühl. Bereits in 15 Jahren könne jede fünfte Rentnerin oder jeder fünfte Rentner von Altersarmut bedroht sein.

Die Gründe für die wachsende Altersarmut sind nach Einschätzung der Experten vielfältig. Einerseits machen sich hier nach früheren Angaben von Creditreform die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten. Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und das Anwachsen des Niedriglohnsektors aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle. Allerdings sind Überschuldungsfälle bei Senioren nach wie vor deutlich seltener als bei jüngeren Verbrauchern.

Altersarmut besonders schwerwiegend

Altersarmut sei jedoch besonders schwerwiegend, betonten die Experten von Creditreform. Während jüngere Menschen Armut häufig als vorübergehende Lebensphase begriffen und über ein Perspektive verfügten, sich aus ihrer schwierigen Situation herauszuarbeiten, sei das bei älteren Menschen in der Regel nicht mehr der Fall. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern. Verschärft werde das Problem dadurch, dass die Betroffenen oft ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nähmen.

Die dramatische Entwicklung bei den Senioren steht in auffälligem Gegensatz zur Entwicklung in den übrigen Altersgruppen. Denn trotz Corona ging die Zahl überschuldeter Personen in Deutschland in diesem Jahr insgesamt noch einem zurück und verringerte sich um 69 000 auf 6,85 Millionen. Die Überschuldungsquote, also der Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen in Deutschland, sank leicht auf 9,87 Prozent und lag damit erstmals seit vier Jahren unter der 10-Prozent-Marke.

In den Zahlen spiegele sich noch einmal die robuste Verfassung des Arbeitsmarktes bis zum Frühjahr 2020 wider. Dieser Positivtrend habe sich aber durch die Corona-Pandemie spätestens ab April gewendet, so die Experten. Für die nächsten Jahre rechnet Creditreform wegen der Pandemie mit einer deutlichen Verschlechterung der Situation. „Die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung sind besorgniserregend“, sagte der Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch.

Kurzarbeit und wachsende Arbeitslosenzahlen führten im Augenblick dazu, dass viele Verbraucher in Deutschland weniger Geld zur Verfügung hätten. Rund 700.000 Menschen hätten zwischenzeitlich den Arbeitsplatz verloren, Millionen seien in Kurzarbeit und viele Freiberufler kämpften um ihre Existenz. Dies werde zeitlich versetzt zu einem Anstieg der Überschuldungsfälle führen. „Für viele Verbraucher in Deutschland geht die Überschuldungsampel in den nächsten Monaten auf Rot“, warnten die Creditreform-Experten.

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