Geldanlage

Der norwegische Pensionsfonds: ein Vorbild für die private Altersvorsorge

Lesezeit: 5 min
23.12.2021 14:52  Aktualisiert: 23.12.2021 14:52
Finanzprofis haben sich der Altersvorsorge von 5,4 Millionen Norwegern gewidmet. Herausgekommen ist der Staatliche Pensionsfonds. Seine Milliarden stecken in Aktien, Anleihen und Immobilien und sichern die Renten der Bürger.
Der norwegische Pensionsfonds: ein Vorbild für die private Altersvorsorge
Dank des norwegischen Pensionsfonds entfallen auf jeden der 5,4 Millionen Einwohner fast 230.000 Euro.(Foto: iStock.com/pavlofox)
Foto: pavlofox

Norwegen, du hast hast es besser! Der Staatliche Pensionsfonds ist für das Land, was die Altersvorsorge für Erika und Max Mustermann mit ihrem Blumenladen ist. Der Staatsfonds zeigt im Großen, was die Mustermanns im Kleinen tun.

Doch der Reihe nach: 1969 entdeckte man südöstlich von Stavanger das erste Erdöl in der norwegischen Nordsee. Das Öl ist eine ständige Einnahmequelle für die Skandinavier, so wie der Blumenladen für die Mustermanns. Die Arbeitszeit von Erika und Max ist aber genauso begrenzt wie das Vorkommen an Erdöl. Die cleveren Norweger nutzen die Einnahmen aus den Ölfeldern für die Altersvorsorge ihrer Bürger. Seit 1998 hat der Fonds sein Anfangsvermögen mehr als versechzigfacht und eine höhere Rendite erzielt als der deutsche Leitindex DAX, nämlich durchschnittlich 6,6 Prozent im Jahr.

Die Norweger zählen zu den glücklichsten Völkern der Erde. Ein Grund dafür ist sicher, dass durch den Ölfonds jeder Einwohner abgesichert ist: Umgerechnet entfallen auf jeden der 5,4 Millionen Einwohner fast 230.000 Euro. Der Fonds ist im Dezember 2021 über 1,2 Billionen Euro wert – der größte Staatsfonds der Welt.

Vollkommene Transparenz: Diversifikation, passive Langfristigkeit, Nachhaltigkeit

Wie haben die Norweger das geschafft, mit einem Anfangsvermögen von weniger als 20 Milliarden Euro? Das lässt sich einfach nachvollziehen, denn der Pensionsfonds ist vollkommen transparent: Auf der Seite der Zentralbank Norges Bank und ihrer Abteilung Norges Bank Investment Management (NBIM) findet sich die Zusammensetzung. Die Entwicklung des Fondsvolumens lässt sich bei der Zentralbank sogar in Echtzeit nachvollziehen.

Dieses Vermögen fließt zu

  • 72,8 Prozent in die Aktien von 9.123 Unternehmen aus 69 Ländern der Erde,
  • 24,7 Prozent in 1.245 Staats- und Unternehmensanleihen aus 45 Ländern,
  • 2,5 Prozent in 867 Immobilien in 14 Ländern.

Man sieht – eine der Regeln des Ölfonds lautet: Diversifikation, also Streuung des Vermögens. Außerdem denken die Norweger langfristig, mit Buy & Hold. Laufende Einnahmen aus dem Erdöl und Ausschüttungen des Fonds investiert die Norges Bank sofort wieder, unabhängig von der Stimmung am Markt. Sie betreibt also kein sogenanntes Market-Timing. Die Zentralbank tut genau das, was ein automatisierter passiver Fonds-Sparplan für die Mustermanns tut: Ein Teil der Einnahmen aus dem Blumenladen fließt jeden Monat aufs Depot, stur und stetig.

Ein wichtiger Punkt: Der Pensionsfonds investiert nachhaltig – nach ethischen, sozialen und ökologischen Standards. Er orientiert sich bei den Aktien an einem Referenzindex namens „FTSE Global All Cap Stock Index“. FTSE heißt „Financial Times Stock Exchange“. „Global All Cap“ steht für Unternehmen aller Größen auf der Welt. Die Anleihen und Immobilien stammen aus Industriestaaten der Welt.

Der norwegische Pensionsfonds lässt sich einfach nachbauen

Das ist natürlich eine Nummer zu groß für die Mustermanns. Sie brauchen aber nicht tausende Aktien, Anleihen und Grundstücke auf dem Globus zu kaufen. Sie besinnen sich auf die Prinzipien des Ölfonds und schneiden die Regeln auf ihre Bedürfnisse zu.

Zuerst betrachten sie ihr Portfolio als Einheit und stellen dafür ein Team zusammen. Verschiedene Anlageklassen stabilisieren sich gegenseitig. Mehrere Grundstücke können Mustermanns nicht direkt kaufen, aber sie erwerben mit Aktien auch Immobilien-Unternehmen. Damit investieren sie indirekt in Grundstücke. Also heißen ihre Teamspieler: Aktien und Anleihen.

Außerdem gehen sie im guten Sinne „naiv“ vor oder heuristisch. Das heißt: Bei der Aufteilung des Depots rechnen sie nicht kompliziert. Sie erzielen mit geringem Aufwand und runden Zahlen ein gutes Ergebnis. Die beiden entscheiden sich für 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Anleihen. Und sie folgen der Devise „Keep it simple“.

Börsengehandelte Indexfonds sind einfach und günstig

Die Streuung erhalten die Mustermanns, indem sie sich günstige, börsengehandelte Indexfonds (ETFs – Exchange Traded Funds) kaufen, die eine Vielzahl von Aktien und Anleihen enthalten. Die beiden haben sich zum einen für einen ETF entschieden, der wie der Pensionsfonds nachhaltig in Aktien aus der ganzen Welt investiert, in 5.763 kleine bis große Unternehmen. Wie der Ölfonds hat der ETF den Referenzindex „FTSE Global All Cap“.

Nachhaltiger Welt-Aktien-ETF für alle Unternehmensgrößen

Vanguard ESG Global All Cap (WKN: A2QL8V)

Gesamtkostenquote (TER): 0,24 Prozent

Fondsvolumen (per 30. Nov. 2021): 162 Millionen EUR

Der Pensionsfonds investiert künftig nicht mehr in Unternehmensanleihen und beschränkt sich auf Staatsanleihen. Erika und Max wählen einen ETF auf Staatsanleihen aus dem Euro-Raum, weil sie beim Sicherheitsanker ihres Depots kein Wechselkurs-Risiko wünschen. Sie wollen auch hier nachhaltig investieren und entscheiden sich für einen Indexfonds, der in 320 Euro-Staatsanleihen anlegt. Der Fokus liegt auf Klimaschutz und Staaten mit hoher Bonität.

Nachhaltiger Euro-Staatsanleihen-ETF

iShares EUR Govt Bond Climate (WKN: A2P2A6)

Gesamtkostenquote (TER): 0,09 Prozent

Fondsvolumen (per 8. Dez. 2021): 343,84 Millionen EUR

Ihr Geld legen die Mustermanns nun zu sieben Teilen im Aktien-ETF an und zu drei in den Anleihen-ETF. Fertig ist ein effizientes Depot nach dem Muster der Norweger. Die Mustermanns können sich wieder ihrem Blumenladen widmen.

Disclaimer: Dieser Artikel ersetzt keine Anlageberatung. Die Wertentwicklung eines Fonds wird maßgeblich von der Wertentwicklung der Anlagewerte bestimmt. Daraus ergibt sich das Risiko von finanziellen Verlusten, wenn sich Marktpreise von bestimmten Werten ändern.

***

Alexander Rudow ist Jurist und arbeitet als Autor von Sachbüchern und Belletristik, außerdem als freier Journalist in Salzburg.

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