Vorsorge

Versagen im Kampf gegen Altersarmut: Grundrente wird nicht rechtzeitig ausgezahlt

Lesezeit: 5 min
30.12.2020 11:58
1,3 Millionen Rentnerinnen und Rentner sollen die Grundrente bekommen - doch noch nicht zum Start der lang umkämpften Reform. Warum müssen sie sich gedulden? Und was bringt das Jahr 2021 sonst noch Neues in der Rente?
Versagen im Kampf gegen Altersarmut: Grundrente wird nicht rechtzeitig ausgezahlt
Trotz des festen Starttermins zum 1. Januar 2021 werden die rund 1,3 Millionen Bürger, die Anspruch auf den Aufschlag haben, noch für Monate nichts von dem Geld sehen. (Foto: Pixabay)

Mitten in der Pandemie startet zum 1. Januar eine der größten Neuerungen des Rentensystems seit Jahren – die Grundrente für Rentner mit schmalen Bezügen. Trotz des festen Termins werden die rund 900.000 Frauen und 400.000 Männer, die den Aufschlag bekommen, noch für Monate nichts von dem Geld sehen. Was ist da hinter den Kulissen los? Und was kommt im neuen Jahr noch Neues bei der Rente?

Eines ändert sich anders als in den Vorjahren nicht: die Rentenhöhe. Im Westen bringt der Corona-Einbruch bei den Löhnen den Rentnerinnen und Rentnern eine Nullrunde. Die Bezüge im Osten werden marginal um 0,72 Prozent erhöht. Schon im Jahr darauf dürften die Renten wieder um rund 5 Prozent steigen. „Wir sind froh über die stabilen Finanzen in der Rentenversicherung“, sagt deren Präsidentin, Gundula Roßbach.

Änderungen 2021

Es geht weiter wie gewohnt. So wird die reguläre Altersgrenze auf dem Weg zur Rente mit 67 leicht auf 65 Jahre und 10 Monate angehoben. Die Beitragsbemessungsgrenze, bis zu der Arbeitseinkommen bei der Berechnung des 18,6-prozentigen Rentenbeitrags berücksichtigt werden, steigt auf 7.100 Euro in den alten und 6.700 Euro in den neuen Ländern. Altersrentner, die ihre reguläre Altersgrenze noch nicht erreicht haben, dürfen 46.060 statt wie bisher 44.590 Euro hinzu verdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird. Und 81 Prozent der Rente muss versteuern, wer 2021 neu in den Ruhestand geht – bisher 80 Prozent.

Grundrente

Den Plan eines Aufschlags für Menschen mit langen Beitragszeiten, aber Minirenten, gibt es schon lange. Dabei erfolglos blieben die heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, damals CDU-Arbeitsministerin, und ihre Nachfolgerin Andrea Nahles (SPD). Dann stritten Union und SPD fast bis zum Koalitionsbruch darüber – und einigten sich im Herbst 2019 doch. Den Aufschlag bekommt nun, wer mindestens 33 Jahre Beiträge aus Beschäftigung, Kindererziehung oder Pflege aufweist und mehr als nur ergänzendes Einkommen etwa durch Minijobs hatte. Das sind die Grundrentenzeiten. Den vollen Aufschlag erhält aber nur, wessen Monatseinkommen als Rentner bei maximal 1.250 Euro bei Alleinstehenden oder 1.950 Euro bei Eheleuten oder Lebenspartnern liegt. Einkommen darüber werden zu 60 Prozent angerechnet – bei 1.300 Euro eines Alleinstehenden also 50 Euro zu 60 Prozent; die Grundrente fiele 30 Euro niedriger aus. Die Grundrente kostet anfangs 1,3 Milliarden Euro im Jahr, 2025 dann 1,6 Milliarden.

Umsetzung der Grundrente

Warum fließt das Geld noch nicht? Rentenpräsidentin Roßbach sagt: „Wir haben den Auftrag, bei 26 Millionen Renten festzustellen, ob und wie viele Grundrentenzeiten vorhanden sind.“ Nicht alle diese Zeiten seien in den digitalen Rentenkonten gespeichert. „Wir müssen also Programme erstellen, die die vorhandenen Daten daraufhin analysieren.“ Doch damit nicht genug – denn es gibt ja noch die Einkommensprüfung. Dann müssten also über eine neue Datenautobahn zwischen Finanzbehörden und Rentenversicherung die Einkommen geprüft werden – auch die des Ehepartners. „Das sind Daten, die bisher für die Rentenversicherung nicht wichtig waren.“

Grundrente als IT-Projekt

Damit der Zuschlag auf Anhieb richtig ankommt, ist viel IT-Feinarbeit bei der Rentenversicherung nötig. „Datentechnisch gesehen ist unser System der Rentenberechnung das Sozialgesetzbuch in Nullen und Einsen“, erklärt Roßbach. Die Auswertung aller Rentenkonten unter dem Gesichtspunkt der Grundrente komme nun neu dazu. „Wir hatten hunderte Auslegungsfragen, bei denen wir rechtliche Festlegungen treffen mussten. Jede dieser Weichenstellung muss programmiert werden.“ Denn die Maschine, das digitale System der Rentenkonten, kenne keinen Auslegungsspielraum. „All das, was sich aus diesen Konten nicht herauslesen lässt, müssen wir bewerten, gegebenenfalls nachfragen und dann eingeben – das ist schon ein großer Aufwand.“ 400 Millionen Euro zahlt die Rentenversicherung für die Organisation der Grundrente.

Grundrente als Jobprogramm

„Um den Grundrentenzuschlag vorzubereiten, sind allein bei der DRV Bund knapp 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nötig“, berichtet Roßbach. Die DRV Bund legte dafür eine eigene Kampagne auf – 11.500 Bewerbungen gingen ein. „Wir haben hierfür ein großes Einstellungsprogramm für Quereinsteiger auf den Weg gebracht.“ Die Neuen würden nun schrittweise qualifiziert. „Im Moment läuft viel Einarbeitung – und das unter Corona-Bedingungen.“ Angesichts des Fachkräftemangels kommt der Zuwachs der Rentenversicherung durchaus auch langfristig zupass. „Denn jedes Jahr verlassen uns altersbedingt viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Roßbach.

Aussicht

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) versichert: „Auch wenn die Auszahlung noch ein paar Monate dauern wird – niemand wird seinen Anspruch verlieren, der jetzt grundrentenberechtigt ist.“ Ein Antrag ist nicht nötig. Die Regierung rechnet im Schnitt mit einem Zuschlag in Höhe von monatlich 75 Euro. Roßbach kündigt an, im Juli würden die ersten Bescheide verschickt. „Die Auszahlung erfolgt rückwirkend zum Jahresbeginn für all jene, die zum ersten Januar bereits in Rente sind.“ Die erste Post soll erhalten, wer Mitte 2021 neu in Rente geht. „Bei der Abarbeitung der Fälle von denjenigen, die dann schon in Rente sind, werden wir mit den ältesten Jahrgängen anfangen und dann sukzessive die anderen abarbeiten.“

Dass das Rententhema auch den nächsten Bundestagswahlkampf bestimmen wird, zeigt sich an dem Streit, der unter den Parteien bereits ausgebrochen ist. Hier geht es vor allem um die Abschaffung des einheitlichen Renteneintrittalters.

AS
Immobilien
Immobilien Immobiliengigant in Schwierigkeiten: Sorge vor einem Crash in China

Der Immobiliengigant Evergrande steht unter großem Finanzdruck. Der Konzern spricht selber von „beispiellosen Schwierigkeiten“. Wie...

AS
Vorsorge
Vorsorge Risiko von Cyberangriffen auf Unternehmen steigt massiv

Schon vor der Corona-Krise war es um die IT-Sicherheit in vielen Firmen nicht gut bestellt. Homeoffice und pandemiebedingte Einbußen...

AS
Vorsorge
Vorsorge „Mehr Netto vom Brutto“: Sogar Arbeitgeberpräsident kritisiert Steuersystem

Normalverdienern bleibe zu wenig vom Lohn übrig, kritisiert der Arbeitgeberpräsident. Auch das Steuersystem müsse leistungsgerechter...

AS
Geldanlage
Geldanlage Um die finanzielle Bildung steht es schlecht!

Inflation? Aktien? EZB? Keine Ahnung! Junge Menschen beklagen fatale Wissenslücken bei den Themen Geld, Vermögen und Finanzen.

AS
Immobilien
Immobilien Eigenbedarf, Hochwasser, Parkverbot: So umgehen Sie juristischen Fallen beim Umzug

Ein Umzug ist nicht nur viel Arbeit – es lauern auch einige juristische Fallstricke. Lesen Sie hier eine Auflistung von Urteilen...

AS
Börse
Börse Deutschen Geldinstitute wollen durch Fusionen europäische Bankenriesen schaffen

Der Chef der Deutschen Bank will die Größenvorteile Europas nutzen. Auch andere Bosse deutscher Banken fordern einen einheitlichen...

AS
Vorsorge
Vorsorge Urteil: Arbeitnehmer müssen Krankheit im Zweifel nachweisen

War die während ihrer Kündigungsfrist krank gemeldete Kollegin wirklich krank? Ein Unternehmen in Niedersachsen bezweifelt das – und...

AS
Geldanlage
Geldanlage Eine Vermögensabgabe kommt - auch ohne EU-Vermögensregister

Das von der EU vorangetriebene Vermögensregister hat zuletzt für viel Kritik gesorgt. Doch in Deutschland stehen dem Staat schon jetzt...

AS
Vorsorge
Vorsorge Familienunternehmen fürchten die drohende Erbschaftssteuer

Mehrere Parteien versprechen im Wahlkampf eine Erhöhung der Erbschaftsteuer. Der BDI zeigt auf, was vielen Familienunternehmen konkret...

AS
Börse
Börse Öl ganz vorn: Das waren die besten Geldanlagen seit Jahresbeginn

Nach den ersten acht Monate das Jahres 2021 liegt Rohöl, das einen Preisanstieg um mehr als 40 Prozent verzeichnet, ganz vorn. Doch es...

AS
Geldanlage
Geldanlage Verkauf von Gold und Silber in Deutschland wird weiter erschwert

Schon wer zwei Unzen Gold verkaufen will, muss bei der Bank seit August die Herkunft des Goldes dokumentieren können. Wer keine Rechnung...

AS
Börse
Börse Österreichs Finanzaufsicht warnt Anleger vor "Pump and dump"

Österreichs Finanzmarktaufsichtsbehörde warnt vor "Pump and dump", einer Form der Marktmanipulation, bei der Kleinanleger an der Börse...