Geldanlage

Nachhaltigkeit hat ihren Preis

Lesezeit: 5 min
17.03.2021 19:06
Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. Wenn ein Unternehmen nachhaltiger werden soll, kann das eine große Herausforderung sein. Selbst Insolvenzen sind nicht auszuschließen.
Nachhaltigkeit hat ihren Preis
Der Trend geht eindeutig Richtung Nachhaltigkeit, dennoch ist dies nicht ganz so leicht umzusetzen. (Foto: iStock.com/Say-Cheese)
Foto: Say-Cheese

Kommentar von Robert M. Wilson, Jr., Research Analyst und Robert M. Almeida, Jr., Portfoliomanager und Globaler Investmentstratege bei MFS Investment Management:

Wenn Unternehmen nachhaltiger werden, kann es nur Gewinner geben. Nicht wenige Investoren sind davon überzeugt. Bei höheren Löhnen, so heißt es, steigen Absatz und Produktivität, sodass die Kosten sinken. Und weniger CO2-Emissionen würden nicht nur unserem Planeten nützen, sondern auch den Unternehmensgewinnen. Aber leider ist alles ganz anders. Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. Wenn ein Unternehmen nachhaltiger werden soll, kann das eine große Herausforderung sein. Selbst Insolvenzen sind nicht auszuschließen.

Mehr Tempo

Bekannte Langfristtrends wie Digitalisierung, Cloud-Computing und Homeoffice nahmen durch Corona Fahrt auf. Aber auch weniger offensichtliche Entwicklungen wie Vereinsamung, ungleiche Vermögensverteilung und nicht zuletzt der Anlegerwunsch nach sozial verantwortlichen Unternehmen wurden wichtiger.

Die Mittelzuflüsse von Fonds zeigen deutlich, dass Anleger immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen. Noch interessanter finden wir aber, dass auch die Unternehmen dies zunehmend erkennen. Im Jahr 2020 sprachen sehr viel mehr S&P-500-Unternehmen in ihren vierteljährlichen Telefonkonferenzen von sozialer Unternehmensverantwortung (CSR) als zuvor. Betrachtet man die Zahl internationaler Unternehmen, die in den Telefonkonferenzen eines der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erwähnten, auf die sich die UN-Generalversammlung 2015 verständigt hat, ist der Zuwachs ähnlich hoch.

Warum Nachhaltigkeit wichtig ist

Es gibt viele Gründe, weshalb die Zivilgesellschaft, Regierungen und Interessengruppen Nachhaltigkeitsthemen ernst nehmen. Der wichtigste Grund ist die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Wenn der Klimawandel aus dem Ruder läuft oder die Einkommen immer ungleicher werden, kann das katastrophale Folgen haben.

Für uns ist aber noch etwas anderes wichtig: die neuen Reaktionsmuster der Unternehmen. Weil die Investoren heute nachhaltige Geschäftspraktiken einfordern, reagieren die Geschäftsleitungen allmählich. Das ist wichtig. Sehr sogar.

Auf die Relevanz kommt es an

Für manche Unternehmen ist Nachhaltigkeit eine große Chance, für andere ein weiteres Risiko. Die langfristigen Unternehmenswerte entwickeln sich daher stark auseinander. In der aktuellen Diskussion wird die finanzielle Relevanz aber weitgehend ausgeblendet, trotz ihrer unbestreitbaren Auswirkungen auf die Wertpapierkurse.

Eine deutliche Anhebung des US-Mindestlohns würde etliche Geschäftsmodelle infrage stellen und vor allem für Einzelhändler eine große Herausforderung sein. Wenn schon beim aktuellen Mindestlohn von 7,25 US-Dollar irritierend viele Geschäfte aufgeben müssen, scheinen sie bei 15 US-Dollar kaum überlebensfähig. Manche Einzelhändler werden dank besonderer Wettbewerbsvorteile oder anderer Stärken damit zurechtkommen können – und einige haben trotz Corona ja auch schon Boni und Gehälter erhöht. Viele andere werden aber enorme Rentabilitätsprobleme bekommen.

Groß sind auch die Herausforderungen für Erzeuger und Nutzer fossiler Brennstoffe. Im Ölsektor hoffen nicht wenige auf die wachsende Mittelschicht in den Emerging Markets. Sie glauben, dass steigende Einkommen für neue Nachfrage sorgen, sodass der Status quo gesichert ist. Allerdings entfallen über zwei Drittel der Ölnachfrage auf Autos mit Verbrennungsmotoren – eine Antriebsart, die wohl schon bald Geschichte ist. Schwerfällige Konzerne, die solchen Wandel nur langsam erkennen, statt schnell zu reagieren, dürften kaum zukunftsfähig sein.

Eines hat sich in den letzten 100 Jahren klar gezeigt: Bei neuen, disruptiven Technologien haben es die alten Platzhirsche schwer. Der Nachhaltigkeitstrend hat eine enorme Kraft, ähnlich der industriellen Revolution und dem Internet, und wird Gesellschaft und Investmentwelt auf Jahrzehnte prägen. Doch Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Es wird Gewinner geben, aber auch große Verlierer. Und weil der Paradigmenwechsel in eine Zeit mit extrem niedrigen Risikoprämien fällt, ist eine kluge Kapitalanlage umso wichtiger.

Über MFS Investment Management (MFS): MFS wurde 1924 gegründet und ist ein aktiver, globaler Asset Manager mit Investmentniederlassungen in Boston, Hongkong, London, Mexico City, São Paulo, Singapur, Sydney und Toronto. Der Investmentprozess hat drei Säulen: integriertes Research, internationale Zusammenarbeit und aktives Risikomanagement. MFS verwaltet 508,5 Milliarden US-Dollar (Stand 30. Juni 2020) Anlagevermögen für Privatanleger und institutionelle Investoren weltweit.

Lesen Sie mehr zum Thema:

„Nachhaltigkeit ist ein fantastisches Werbeversprechen“

Impact Investing: Mit gutem Gewissen Geld verdienen

Interesse an nachhaltigen Investments steigt deutlich

AS
Börse
Börse Auf diese 7 Gefahren müssen Anleger achten

Lieferengpässe auf der Welt stellen die Industrie vor schwerwiegende Herausforderungen. Kryptowährungen befinden sich in einem...

AS
Geldanlage
Geldanlage „Greenwashing“ oder Gütesiegel? Streit um nachhaltige EU-Anlageregeln

Geld verdienen und gleichzeitig das Klima schützen – klingt gut, ist aber gar nicht so einfach. Nun will die EU einen Rahmen schaffen,...

AS
Karriere
Karriere Was das Arbeitszeugnis über Sie verrät

Arbeitnehmer müssen bei ihrem Arbeitszeugnis sehr genau zwischen den Zeilen lesen. Denn nur derjenige, der den „geheimen Sprachcode“...

AS
Börse
Börse Indexfonds verschleiern, dass der Bärenmarkt längst begonnen hat

Die Aktienmärkte befinden schon seit einiger Zeit in einer Baisse. Dies wird jedoch dadurch verschleiert, dass passive ETFs die Kurse...

AS
Börse
Börse Aktien, Anleihen, Immobilien: Was Anleger 2022 wissen sollten

Die Finanzmärkte haben 2021 die Corona-Pandemie gut überstanden. Neben der Omikron-Variante wird in diesem Börsenjahr das...

AS
Immobilien
Immobilien Stärkster Anstieg der Baupreise in Deutschland seit 1970

Bauen wird immer kostspieliger. Insbesondere der Materialmangel treibt die Preise in die Höhe. Entspannung ist nicht in Sicht.

AS
Karriere
Karriere So verhandeln Sie Ihr Einstiegsgehalt

Wenn sie nicht schon im Anschreiben auf Sie wartet, stellt sie sich spätestens im Vorstellungsgespräch: die Frage nach dem Gehalt. Gerade...

AS
Karriere
Karriere Karriere in Teilzeit

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach – auch in Führungspositionen. Darauf reagieren viele...

AS
Börse
Börse Neue Rekordstände und Rückschläge: Das erwarten Börsenexperten für 2022

Risiken des alten Börsenjahres werden auch 2022 erst einmal Bestand haben. Dennoch erwarten viele ein gutes Börsenjahr. Vor allem Europa...

AS
Geldanlage
Geldanlage So vermeiden Sie Klumpenrisiken bei ETFs

Das Hauptargument für ETFs gegenüber reinen Aktieninvestments ist, dass die Indexfonds das Risiko breiter streuen. Doch auch ETFs weisen...

AS
Karriere
Karriere Arbeitsunfall im Homeoffice: Es ist nicht egal, wo Sie sich ein Bein brechen!

Homeoffice ist infolge der Corona-Krise für viele Beschäftigte plötzlich zur Realität geworden. Doch die Gesetzgebung passt sich erst...

AS
Geldanlage
Geldanlage Ist das noch Kunst und soll ich das kaufen?

Die Mittelschicht löst sich hierzulande auf; dennoch kann man einiges mit seinem Geld unternehmen, um es gewinnbringend anzulegen –...