Geldanlage

Xi Powell und Jerome Jinping: zwei Länder, ein Gedanke?

Lesezeit: 5 min
03.08.2021 10:16
Zwei Ereignisse haben die Märkte Ende Juli geprägt: der erhebliche Kursverlust einiger chinesischer Aktien und die Sitzung des geldpolitischen Ausschusses der USA. Auf den ersten Blick besteht zwischen diesen beiden Ereignissen kein Zusammenhang.
Xi Powell und Jerome Jinping: zwei Länder, ein Gedanke?
Liberale wirtschaftliche Grundsätze verlieren derzeit sowohl in den USA als auch in China an Bedeutung
Foto: Zerbor

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Analyse von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE:

Tatsächlich haben beide Ereignisse jedoch eines gemeinsam: Das politische Ziel eines stärkeren sozialen und nationalen Zusammenhalts hat Vorrang vor der rein ökonomischen Orthodoxie.

Politische Einschränkungen verunsichern chinesische Finanzmärkte

In China ist der Marktrückgang nämlich zum Teil das Ergebnis politischer Maßnahmen, die die Gewinne von Unternehmen eindämmen sollen, die außerstaatliche Ausbildungsmöglichkeiten anbieten. Die hohen Kosten dieser privaten Bildungsangebote sind für die Mittelschicht ein Hindernis, wenngleich die Schulbildung des Landes dadurch verbessert werden könnte. Für Xi Jinping ist es aus politischer Sicht besser, eine zusätzliche Verstärkung der Ungleichheiten zu vermeiden, auch wenn dadurch vielleicht die Leistung eines Teils der Bevölkerung reduziert wird. Überdies ist es sinnvoller, in einem Land mit einer niedrigen Geburtenrate die Kosten für Bildung zu begrenzen, auch wenn dies bedeutet, auf die wirtschaftlichen Gewinne der Unternehmen aus dem Bildungssektor zu verzichten – die jedoch zu Chinas hohem Ansehen in der Welt hätten beitragen können. Wenn der private Bildungssektor also eingeschränkt wird, welche anderen Sektoren könnten künftig das gleiche Schicksal erleiden? Man denke insbesondere an die Gesundheitsversorgung, die trotz der Versprechen einer kommunistischen Gesellschaft sehr teuer und sozial äußerst diskriminierend ist. Konsequenterweise gaben die Aktien des Gesundheitssektors allesamt nach, da sie implizit von der gleichen Art der Gängelung bedroht sind.

Ein weiterer Grund für den Rückgang des chinesischen Marktes ist die Einschränkung der Möglichkeiten für chinesische Unternehmen, über „ADR“ (American Depositary Receipts) an der US-Börse gehandelt zu werden. Hier steht der politische Wille, den amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften zu entgehen, dem Bestreben gegenüber, einen breiteren Zugang zu ausländischem Kapital zu erhalten, das für die Entwicklung Chinas von wesentlicher Bedeutung ist. Die nationale Unabhängigkeit lässt sich nur schwer mit der Anpassung an internationale, d. h. amerikanische Standards vereinbaren. Der wirtschaftliche Kampf zwischen den USA und China ist auch ein Krieg der Standards, der mit Kollateralschäden einhergeht, nämlich dem Zugang zu US-Kapital.

US-Inflation doch nicht vorübergehend?

Was hat das mit der Sitzung der US-Notenbank am 28. Juli zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Der Fed-Vorsitzende räumte jedoch ein, dass die hohe US-Inflation (4,5 % im volatilitätsärmsten Segment im Juni) sich als weniger vorübergehend erweisen könnte als erwartet. Unter diesem Gesichtspunkt wäre eine weitaus weniger akkommodierende Geldpolitik als derzeit der Fall angezeigt. Jerome Powell deutete jedoch auch an, dass das Ziel, die Arbeitslosenrate der am stärksten benachteiligten Gruppen zu senken, aktuell Vorrang vor fast allen anderen Überlegungen hat und daher eine sehr expansive Geldpolitik rechtfertigt. Auch hier hat der soziale Zusammenhalt Vorrang vor der ökonomischen Orthodoxie im engeren Sinn. Das Anliegen ist umso drängender, als die Fed beschuldigt wird, die Vermögensungleichheit drastisch verstärkt zu haben: Sie soll die Preise von Risikoanlagen, also das Vermögen der Wohlhabendsten, in die Höhe getrieben und damit populistische Bewegungen begünstigt haben.

Wirtschaftliche Grundsätze verlieren an Bedeutung

Man mag es bedauern oder begrüßen: Liberale wirtschaftliche Grundsätze verlieren derzeit an Bedeutung. Im Reich der Mitte – die Mitte zwischen kapitalistischer Wirtschaft und „sozialistischer“ Politik – überrascht dies zu einer Zeit, in der die Kommunistische Partei Chinas ihr hundertjähriges Bestehen feiert, kaum. Es überrascht jedoch insofern, als das Land auf die Privatwirtschaft angewiesen ist und ausländisches Kapital anziehen muss, um seine Machtposition auszubauen. Es überrascht umso mehr in einem Land, das quasi das Aushängeschild des Kapitalismus ist. Krisen haben jedoch gezeigt, wie liberalen Grundsätzen in Notsituationen auch in den USA eine Absage erteilt wurde. In diesem Punkt befinden sich „Xi Powell“ und „Jerome Jinping“ im Einklang wie Yin und Yang.

TELEX

Die Inflation in der Eurozone ist rückläufig. Die Kerninflation (ohne volatile Posten) in der Eurozone sank im Juli auf 0,7 % im Jahresvergleich, gegenüber 0,9 % im Juni (und einem Höchststand von 1,4 % im Januar). Damit lag sie nahe ihrem Fünfjahresdurchschnitt. Die Inflationserwartungen für fünf Jahre in fünf Jahren stiegen in den letzten Wochen jedoch auf 1,7 %. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Anleger an einen leichten Anstieg vom derzeit besonders niedrigen Niveau glauben.

Die US-Inflation schwächt sich ab. Für die Märkte ist die Rückkehr der Inflation ein zentrales Thema und sie beobachten die US-Kernrate für Konsumausgaben der Privathaushalte genau: Sie lag im Juni bei 3,5 % (gegenüber den erwarteten 3,7 %). Das leicht unter den Erwartungen liegende Ergebnis könnte die Annahme stützen, dass die Inflation mittelfristig unter Kontrolle bleibt. Darüber hinaus liegen die Inflationserwartungen für fünf Jahre in fünf Jahren in den USA nach wie vor bei rund 2,4 %. Eine inflationäre Überhitzung wird vom Markt derzeit also nicht erwartet. Allerdings läuft das Moratorium für Zwangsräumungen wegen ausbleibender Mietzahlungen bald aus. Daher könnte die Immobilienkomponente in naher Zukunft erheblich zulegen.

Die Fondsgesellschaft LFDE wurde 1991 in Frankreich gegründet und konzentriert sich auf Investments in europäische und internationale börsennotierte Unternehmen. LFDE ist in Deutschland, Spanien, Italien, der Schweiz und in den Benelux-Ländern vertreten und verwaltet zum 31.12.2020 Vermögen in Höhe von 12 Milliarden Euro.


Mehr zum Thema:  

AS
Börse
Börse Auf diese 7 Gefahren müssen Anleger achten

Lieferengpässe auf der Welt stellen die Industrie vor schwerwiegende Herausforderungen. Kryptowährungen befinden sich in einem...

AS
Geldanlage
Geldanlage „Greenwashing“ oder Gütesiegel? Streit um nachhaltige EU-Anlageregeln

Geld verdienen und gleichzeitig das Klima schützen – klingt gut, ist aber gar nicht so einfach. Nun will die EU einen Rahmen schaffen,...

AS
Karriere
Karriere Was das Arbeitszeugnis über Sie verrät

Arbeitnehmer müssen bei ihrem Arbeitszeugnis sehr genau zwischen den Zeilen lesen. Denn nur derjenige, der den „geheimen Sprachcode“...

AS
Börse
Börse Indexfonds verschleiern, dass der Bärenmarkt längst begonnen hat

Die Aktienmärkte befinden schon seit einiger Zeit in einer Baisse. Dies wird jedoch dadurch verschleiert, dass passive ETFs die Kurse...

AS
Börse
Börse Aktien, Anleihen, Immobilien: Was Anleger 2022 wissen sollten

Die Finanzmärkte haben 2021 die Corona-Pandemie gut überstanden. Neben der Omikron-Variante wird in diesem Börsenjahr das...

AS
Immobilien
Immobilien Stärkster Anstieg der Baupreise in Deutschland seit 1970

Bauen wird immer kostspieliger. Insbesondere der Materialmangel treibt die Preise in die Höhe. Entspannung ist nicht in Sicht.

AS
Karriere
Karriere So verhandeln Sie Ihr Einstiegsgehalt

Wenn sie nicht schon im Anschreiben auf Sie wartet, stellt sie sich spätestens im Vorstellungsgespräch: die Frage nach dem Gehalt. Gerade...

AS
Karriere
Karriere Karriere in Teilzeit

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach – auch in Führungspositionen. Darauf reagieren viele...

AS
Börse
Börse Neue Rekordstände und Rückschläge: Das erwarten Börsenexperten für 2022

Risiken des alten Börsenjahres werden auch 2022 erst einmal Bestand haben. Dennoch erwarten viele ein gutes Börsenjahr. Vor allem Europa...

AS
Geldanlage
Geldanlage So vermeiden Sie Klumpenrisiken bei ETFs

Das Hauptargument für ETFs gegenüber reinen Aktieninvestments ist, dass die Indexfonds das Risiko breiter streuen. Doch auch ETFs weisen...

AS
Karriere
Karriere Arbeitsunfall im Homeoffice: Es ist nicht egal, wo Sie sich ein Bein brechen!

Homeoffice ist infolge der Corona-Krise für viele Beschäftigte plötzlich zur Realität geworden. Doch die Gesetzgebung passt sich erst...

AS
Geldanlage
Geldanlage Ist das noch Kunst und soll ich das kaufen?

Die Mittelschicht löst sich hierzulande auf; dennoch kann man einiges mit seinem Geld unternehmen, um es gewinnbringend anzulegen –...