Geldanlage

Evergrande-Krise in China: Spielball der Politik – und ansteckend?

Lesezeit: 6 min
29.09.2021 16:06
Die Geschichte des Zahlungsausfalls von Evergrande ist mehr als nur die Geschichte eines einzelnen Immobilienunternehmens, was unter der Last seiner eigenen Schulden zusammenbricht. Es ist die Geschichte eines Unternehmens, das im Kreuzfeuer zwischen Chinas Vergangenheit und Zukunft steht.
Evergrande-Krise in China: Spielball der Politik – und ansteckend?
Was wird der drohende Zahlungsausfall von Evergrande für Folgen haben? (Foto: Pixabay)

Analyse von Robin Usson, Anleihenexperte bei Federated Hermes:

Der bevorstehende Konkurs von Evergrande wird eine langwierige Angelegenheit sein. Wie groß ist die Ansteckungsgefahr bei einem Ausfall von Evergrande? Wahrscheinlich ist, dass der Zusammenbruch eine Ära beendet.

Sollten sich ausländische Investoren Sorgen machen?

Schauen wir auf die Fakten: Auf den Märkten zählt die Größe. Evergrande verfügt über Vermögenswerte in Höhe von 2,3 Billionen RMB, was 2 % des chinesischen BIP entspricht. Das Unternehmen beschäftigt 123.000 Mitarbeiter und hat 3,8 Millionen Vertragspartner. Ein möglicher Zahlungsausfall wird sich zweifellos auf eine Vielzahl von Partnern auswirken, darunter Bau- und Planungsfirmen sowie Materiallieferanten. Viele Käufer, die Immobilien von Evergrande außerplanmäßig erworben haben, werden möglicherweise Geld verlieren, ebenso wie Direktinvestoren in Aktien und Anleihen des Unternehmens.

Obwohl die meisten ausländischen Investoren nicht in eine der oben genannten Kategorien fallen, ist Evergrande aus einem wichtigen Grund von Bedeutung: Ansteckungsgefahr. Während sich das Wirtschaftswachstum in China bereits seit mehreren Quartalen verlangsamt, wird die sich entwickelnde Situation zweifellos zu einer härteren Landung führen. Für die globalen Märkte dürfte sich dies zunächst in einer geringeren Nachfrage äußern, insbesondere in den Sektoren, die am engsten mit dem chinesischen Wachstum verbunden sind, wie Stahl und Kupfer.

Diese Tatsache hat die Anleger unweigerlich beunruhigt. Die Aktienmärkte in aller Welt haben unmittelbar nach den Nachrichten nachgegeben. Unserer Ansicht nach handelte es sich dabei jedoch eher um eine reflexartige Reaktion des Marktes auf ein unerwartetes Ereignis als um eine überlegte Reaktion auf die Fundamentaldaten. Auch erwähnenswert: Viele der betroffenen Unternehmen sind weit über ihre langfristigen Trendlinien hinaus gewesen, da die Anleger offensichtlich nach einer guten Gelegenheit suchten, Risiken vom Tisch zu nehmen. Evergrande bot diese Gelegenheit.

In Anbetracht der Intransparenz des chinesischen Marktes schließen wir jedoch größere regionale Auswirkungen nicht aus. Es könnte beispielsweise viele Risiken im Zusammenhang mit dem Schattenbankwesen und außerbilanziellen Verbindlichkeiten geben, die dem breiteren Markt noch nicht bekannt sind. Der bevorstehende Konkurs von Evergrande wird eine langwierige Angelegenheit sein. Wir werden in diesem Prozess sicherlich einige überraschende Kreditgeber sehen. Konkret: Unternehmen, von denen die Märkte nicht dachten, dass sie in Evergrande engagiert sind – es aber doch sind. Dies könnte im Laufe des Prozesses zu einigen unerwarteten Verlusten führen. Wir glauben jedoch, dass sich dies im Rahmen unseres Basisszenarios eines von der Regierung durchgeführten „administrativen Unterstützungsprogramms“ in Grenzen halten wird.

Wie wird es weitergehen?

In unserem Basisszenario gehen wir von einem geordneten Zahlungsausfall aus, der von der chinesischen Regierung unterstützt wird. Diese Erleichterung wird eher in Form von administrativer als von finanzieller Unterstützung erfolgen. Zu diesem Schluss kommen wir aufgrund einer Reihe von Maßnahmen, die die Regierung unlängst ergriffen hat. Darunter: Die Zentralisierung aller Gerichtsverfahren gegen Evergrande, die verhindern könnte, dass lokale Gerichte das Vermögen des Unternehmens einfrieren. Minsheng, Zheshang und die Shanghai Pudong Development Bank erklärten sich bereit, einige Projektkredite zu verlängern. Das würde dazu beitragen, die negative Abwärtsspirale zu verlangsamen und einen Ausverkauf abzuwenden.

Auch wenn die chinesische Regierung Evergrande wahrscheinlich scheitern lassen wird, wird dies in Form einer „kontrollierten Explosion“ geschehen. Chinas Führung schätzt Ordnung über alles. Wir glauben, dass sie hinter den Kulissen daran arbeitet, den sozialen und wirtschaftlichen Dominoeffekt des Untergangs des Unternehmens zu begrenzen.

Den Behörden steht eine Vielzahl von Instrumenten zur Verfügung, um die Auswirkungen des Zusammenbruchs abzufedern und Stabilität zu schaffen. Wir erwarten beispielsweise, dass einige Unternehmen aufgefordert werden, unvollendete Evergrande-Projekte zu übernehmen, während mehr Banken angewiesen werden, den von der Ansteckung betroffenen Unternehmen Kredite zu gewähren. Damit erreicht die Regierung zweierlei: Sie verhindert eine Krise und schwächt die künftige Rentabilität anderer Unternehmen des Sektors, was eine dringend benötigte Abkühlung zur Folge hat. Kurz gesagt, China wird eine Krise gegen eine Verlangsamung eintauschen.

Auch wenn der Großteil des Risikos bei den Bauunternehmen der Region liegt, glauben wir, dass dieses Ereignis die Abhängigkeit des Marktes von einem Finanzierungsmodell vor dem Verkauf grundlegend verändern und das Ende der Ära des kometenhaften Wachstums auf dem chinesischen Immobilienmarkt markieren wird.

Ein Zusammenbruch, der eine Ära beendet

Noch vor fünf Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass die chinesische Regierung den Konkurs eines so großen Unternehmens wie Evergrande zulässt. Heute steht Evergrande im Fadenkreuz des demografischen Wandels in China, des Urbanisierungs- und Immobilienbooms – sowie des Endes des jahrzehntelangen Wirtschaftswachstumsschubs. Darüber hinaus hat der wachsende persönliche Wohlstand dazu geführt, dass eine Immobilieninvestitionen-Blase entstanden ist.

Indem die chinesische Regierung den Rückzug von Evergrande aus dem Markt steuert, bekräftigt sie ihr Engagement für die sogenannten drei roten Linien. Dies sind die wichtigsten Instrumente der Bemühungen Chinas, den Immobilienmarkt vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, sinkender Geburtenraten und einer Kleinfamilienkultur, die trotz des Endes der Ein-Kind-Politik fortbesteht, abzukühlen. Angesichts der Anzeichen für eine Überhitzung des Sektors führte China im vergangenen September die roten Linien ein – und Bauträger, die eine, zwei oder alle drei „roten Linien" nicht einhalten, müssen mit Einschränkungen bei der Aufstockung ihrer Schulden rechnen.

Im Fadenkreuz – die drei roten Linien:

  1. Verhältnis von Verbindlichkeiten zu Vermögenswerten (ohne Vorauszahlungen) von weniger als 70%
  2. Nettoverschuldungsgrad von weniger als 100%
  3. Verhältnis von liquiden Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten von mehr als 1x

Diese strengen Maßnahmen wurden von einer Einschränkung der Kreditvergabe der Banken begleitet. All diese Faktoren – von der Demografie über die Regulierung bis hin zu Spekulation und Wachstum – haben Evergrande letztendlich eingeholt.

Ausblick: kontrollierte Abwicklung

Wir gehen davon aus, dass Evergrande in den kommenden Wochen Konkurs anmelden wird. Die Ansteckungsgefahr wird sich jedoch sowohl weltweit als auch im Inland in Grenzen halten, da die chinesischen Behörden die absolute Macht haben und bereit sind, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um eine Instabilität zu verhindern. Zahlreiche Unternehmen auf dem Festland und darüber hinaus werden den Schock auffangen und die Auswirkungen verteilen. Obwohl die Undurchsichtigkeit des chinesischen Marktes bedeutet, dass die Zusammenhänge schwerer vorherzusagen sind, können wir getrost sagen, dass Evergrande weit davon entfernt ist, ein „Lehman-Ereignis“ Chinas zu sein.

Über Federated Hermes: Federated Hermes ist ein führender globaler Investmentmanager mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 553 Milliarden Euro (per 30. Juni 2021). Die Anlagelösungen umfassen 162 Strategien aus den Bereichen Aktien, Anleihen, alternative/private Märkte, Multi-Asset und Liquiditätsmanagement sowie eine Reihe von separat verwalteten Depots.

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