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Das Ende der lockeren Geldpolitik: Kommt 2022 der Börsencrash?

Lesezeit: 7 min
24.01.2022 14:03  Aktualisiert: 24.01.2022 14:03
Die US-Notenbank plant den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik. Die Finanzmärkte blicken mit Sorge auf die absehbare Zinserhöhung. Kommt nun die überfällige Marktbereinigung?
Das Ende der lockeren Geldpolitik: Kommt 2022 der Börsencrash?
Die hohe Inflation und die damit einhergehende Befürchtungen, die Fed könnte die Zinsen schneller anheben als in Aussicht gestellt, belasten die Aktienmärkte. (Foto: iStock.com/DragonImages)
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Die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) bereitet die Finanzmärkte auf eine Erhöhung der Leitzinsen vor. Wie aus der Sitzung der Notenbanker vom 14. Dezember hervorgeht, plant die Fed ihren Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik. Investoren richten ihre Blicke bereits auf die Fed-Pressekonferenz an diesem Mittwoch (26. Januar 2022), denn dann dürfte die US-Notenbank den offiziellen Startschuss für Zinserhöhungen ab März geben. Die US-Leitzinsen sind – mit einer kurzen Ausnahme – seit Ausbruch der Finanzkrise von 2008 auf historisch niedrigem Niveau um null Prozent. Als Grund für die rasche Kehrtwende nennt die Fed die steigende Inflation in den USA, die höher ausgefallen sei, als es die Notenbanker zunächst erwartet hatten.

Höchste Inflation seit 40 Jahren veranlasst Fed zur Kurskorrektur

Zuletzt notierte die US-Inflationsrate im Dezember bei 7 Prozent, wie aus einem Bericht des Guardian hervorgeht. Damit lag die Inflation den siebten Monat infolge über 5 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit 1981. Schon jetzt droht die Inflation zum wirtschaftlich und politisch bestimmenden Thema in den USA zu werden. Die ausufernde Teuerungsrate veranlasste den Ex-CEO von Twitter, Jack Dorsey, sogar dazu, vor einer möglichen Hyperinflation zu warnen. „Hyperinflation wird alles verändern. Es passiert“, schrieb Dorsey in einem kürzlich veröffentlichten Tweet.

Zwar sehen Experten wie Steve H. Hanke, VWL-Professor an der Johns-Hopkins-Universität und einer der weltweit führenden Inflationsforscher, keine Gefahr für eine Hyperinflation. Denn dafür müsste die Inflationsrate mehrere Monate aufeinander über 50 Prozent liegen. Doch auch Hanke rechnet für die USA für die kommenden drei Jahre mit einer Inflation von 5 bis 6 Prozent. Schon seit Monaten warnen Ökonomen wie der frühere US-Finanzminister Larry Summers daher vor einer Überhitzung der US-Wirtschaft. Hintergrund ist die nach dem Pandemie-Schock wieder anziehende US-Konjunktur bei zugleich gestiegenen Haushaltsausgaben der US-Regierung. Das hat zum sprunghaften Anstieg der Teuerungsrate geführt. Daher forderten Ökonomen wie Summers schon seit geraumer Zeit eine Anhebung der Leitzinsen.

Finanzmärkte sehen Zinserhöhungen mit Sorge entgegen

Die Ankündigung der Fed, die Leitzinsen 2022 wieder zu erhöhen, lässt viele Finanzmarktteilnehmer mit Sorge ins Jahr blicken. Zwar ist die Erhöhung mehr als überfällig nach Jahren der lockeren Geldpolitik, doch vor allem die institutionellen Investoren der Wall Street haben sich zu sehr an das billige Geld gewöhnt. Sie waren es, die seit der Finanzkrise vom Geldregen der Notenbank am stärksten profitiert haben, während die Effekte nie in der Realwirtschaft („Main Street“) ankamen. Stattdessen befeuerte die lockere Geldpolitik einen regelrechtes Kursfeuerwerk an der Börse. Der Aktienmarkt eilte von einem Allzeithoch zum nächsten und selbst eine weltweite Pandemie konnte die Freude der Investoren nur kurzzeitig schmälern.

Während die Tourismus- und Veranstaltungsbranche noch immer unter den Auswirkungen der Pandemie ächzt und auch die Zukunft mancher Luftfahrtunternehmen ungewiss ist, hat die Börse die anfänglichen Verluste mehr als wettgemacht. Durch die expansive Geldpolitik der Fed sind die Finanzmärkte längst entkoppelt vom Rest der Wirtschaft. Sie handeln frei nach dem Motto: „Good news are good news, and bad news are also good news!“ Denn die Finanzwirtschaft hat sich daran gewöhnt, dass die Fed bei sinkenden Kursen einschreitet und entweder die Leitzinsen senkt oder ihre milliardenschweren Aufkaufprogramme weiter ausdehnt.

Verständlich daher die Sorge der größten Profiteure, dass der Strom des billigen Geldes bald verebben könnte. Nur die Banken blicken der Zinserhöhung gelassen entgegen, denn wenn auch die Geldbeschaffung für sie teurer wird, so steigen mit dem Leitzins auch die Kreditzinsen – und damit ihre Margen. Die Frage, die derzeit im Raum steht, ist also nicht ob, sondern nur wie oft die Fed in diesem Jahr die Zinsen erhöhen wird. Wird sie die Straffung der Geldpolitik langsam angehen oder angesichts ausufernder Inflation aufs Tempo drücken?

Federal Reserve hat sich in eine geldpolitische Sackgasse manövriert

Die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs rechnen mit bis zu vier Zinserhöhungen. „Die abnehmende Lockerheit auf dem Arbeitsmarkt hat die Fed-Beamten sensibler für Aufwärtsrisiken bei der Inflation und weniger sensibel für Abwärtsrisiken beim Wachstum gemacht“, so Goldman Chef-Ökonom Jan Hatzius. „Wir sehen weiterhin Zinserhöhungen im März, Juni und September und haben nun eine Erhöhung im Dezember hinzugefügt, so dass wir insgesamt vier Zinserhöhungen im Jahr 2022 erwarten.“

Jamie Dimon, Chef der Investmentbank JP Morgan Chase, ging sogar noch einen Schritt weiter. „Es ist möglich, dass die Inflation schlimmer ist, als sie denken, und dass sie die Zinsen stärker anheben, als die Leute denken“, sagte Dimon im Gespräch mit CNBC. „Ich persönlich wäre überrascht, wenn es nur vier Erhöhungen wären“.

Ob es jedoch nun zu vier oder gar mehr Zinserhöhungen im laufenden Jahr kommen wird, ist fraglich. Denn die Fed hat sich durch ihre jahrelange Niedrigzinspolitik in eine gefährliche Sackgasse manövriert. Zuletzt versuchte die Fed im 2018 einen zaghaften Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik. Sie erhöhte die Leitzinsen und fuhr die milliardenschweren Unterstützungskäufe zurück als Teil einer „Phase der Normalisierung“. Die über die Jahre aufgeblähte Bilanz der Notenbank (voller wertloser „Wertpapiere“, die auf dem Finanzmarkt niemand mehr kaufen wollte), sollte langsam wieder abgebaut werden.

Doch nur sieben Monate später musste sie diese Rückkehr zur geldpolitischen Normalität schon wieder aufgeben und die Leitzinsen allmählich wieder senken, bis sie im Juli 2019 schließlich wieder bei null lagen. Die Notenbanker fürchteten ein Einbrechen der US-Wirtschaft. Am 15. März 2020 kündigte die Fed dann an, dass sie in den kommenden Monaten Staatsanleihen und Hypotheken-besicherte Wertpapiere im Wert von 700 Milliarden US-Dollar von US-Finanzinstituten aufkaufen werde, eine Politik, die als quantitative Lockerung (QE) bekannt ist. Damit war die Fed endgültig wieder zurück in ihrer expansiven Geldpolitik.

Kommt 2022 der Crash am Aktienmarkt?

Damit steht die US-Notenbank vor einem Dilemma: Senkt sie die Zinsen zu stark und stoppt zugleich ihre Aufkaufprogramme wertloser Wertpapiere, droht der Wall Street der Absturz. Tut sie es nicht, droht die Inflation Überhand zu nehmen, was wiederum der Wirtschaft schadet und besonders Kleinanleger und Sparer schleichend enteignet. Leider spricht vieles dafür, dass die US-Notenbank ihr Pulver bereits verschossen hat und keinen Ausweg aus diesem Dilemma finden wird. In diesem Licht kann auch die angekündigte Zinserhöhung interpretiert werden. Zwar wird die Fed die Leitzinsen senken, doch wenn die Börsenkurse dann – wie zu erwarten ist – auf Talfahrt gehen, wird sie wieder ihren Kurs ändern müssen, um die Weltwirtschaft vor einem Desaster zu bewahren.

Für Anleger und Investoren bedeutet dies, sich mittelfristig auf höhere Inflationsraten einzustellen. Langfristig gibt es aus dieser Spirale nur unpopuläre Auswege, wie Star-Investor Ray Dalio erläutert. Laut Dalio befinden wir uns am Ende eines langfristigen Schuldenzyklus. Über Jahrzehnte hinweg haben Staaten ihre Schulden massiv ausgeweitet, die Corona-Pandemie hat diesen Effekt nochmals befeuert. Die lenkenden Eingriffe der Zentralbanken zeigten in den letzten Jahren immer weniger Wirkung. Die einzigen beiden Möglichkeiten, um die ausufernden Schuldenstände in den Griff zu bekommen, sind leider beide auch extrem unbeliebt: Sparsamkeit oder Schuldenschnitte.

Erstere ist von den Industrienationen derzeit nicht zu erwarten, die damit beschäftigt sind, ihre Volkswirtschaften mit riesigen Konjunkturpaketen vor den Auswirkungen der Pandemie zu schützen. Und Schuldenschnitte gehen historisch immer mit sozialen Unruhen und politischer Instabilität einher, wie man zuletzt in der Griechenland-Krise beobachten konnte. Wenn es jedoch nicht gelingt, das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen, droht am Ende des langfristigen Schuldenzyklus laut Dalio der Zusammenbruch der Wirtschaft. Vieles deutet für den Star-Investor darauf hin, dass wir uns 2022 am Übergang zur Phase des Zusammenbruchs befinden. Ob wir die große Korrektur aber schon in diesem Jahr erleben oder später, wird nur die Zeit zeigen.


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