Geldanlage

Zinswende: Werden nun Staatsanleihen wieder attraktiv?

Lesezeit: 7 min
11.07.2022 14:22
Staatsanleihen waren in den vergangenen Jahren alles andere als ein gewinnbringendes Investment. Doch das Blatt scheint sich aktuell zu wenden, bedingt durch die Zinsanhebungen der Notenbanken. Lohnen sich Staatspapiere wieder – oder sind angesichts der galoppierenden Inflation andere Vermögenswerte attraktiver?
Zinswende: Werden nun Staatsanleihen wieder attraktiv?
Der Grund für die angehobenen Leitzinsen ist bekannt: es ist die Inflation, die sowohl in Europa als auch den USA so hoch ist wie zuletzt vor 40 Jahren. (Foto: iStock.com/jetcityimage)
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Staatsanleihen gehören, so lautet eine gängige Börsenweisheit, in jedes Depot. Nach einer bekannten Empfehlung sollten Anleger gut 30 Prozent ihres Ersparten in Schuldtitel investieren, die restlichen 70 Prozent in riskantere Vermögenswerte wie Aktien. Auf lange Sicht habe sich diese Depotaufteilung bewährt, so die Begründung. Anleihen böten verlässliche Zinsen und würden für Stabilität sorgen, insbesondere in stürmischen Börsenphasen, wenn die Aktienkurse in den Keller rauschen. Aktien brächten hingegen die Rendite.

Anleger, die dieser Börsenweisheit gefolgt sind und Anleihen gehalten haben, sind in den vergangen Jahren vergleichsweise schlecht gefahren. Deutsche Bundesanleihen haben in den letzten Jahren zeitweise Negativzinsen abgeworfen. Die Zinskupons von US-Staatsanleihen bewegten sich in den vergangenen Jahren nahe null. Und zuletzt sind nicht nur die Kurse von Aktien massiv eingebrochen. Seit Jahresanfang büßten auch deutsche und US-amerikanische Schuldtitel mit zehnjähriger Laufzeit zwischen acht und fast zehn Prozent an Kurswert ein.

Nullzinsphase vorbei – Anleihen wieder attraktiv?

Doch die Zeit der Nullzinsen scheint erst einmal vorbei zu sein. Die US-Notenbank Fed hat auf ihrer letzten Sitzung Mitte Juni die Leitzinsen um 0,75 Prozent auf ein Niveau von 1,5 bis 1,75 Prozent erhöht. Das ist der höchste Zinsanstieg seit fast 30 Jahren. Weitere Zinsschritte hat Notenbankchef Jerome Powell bereits angekündigt. Auch die europäischen Währungshüter werden aller Voraussicht nach Mitte Juli zum ersten Mal seit Jahren an der Zinsschraube drehen. Der Grund für die angehobenen Leitzinsen ist bekannt: es ist die Inflation, die sowohl in Europa als auch den USA so hoch ist wie zuletzt vor 40 Jahren. Eine restriktivere Geldpolitik soll die Nachfrage dämpfen und der Teuerung von Waren und Dienstleistungen entgegenwirken.

Aufgrund der Zinserhöhungen scheinen die derzeitigen Anleiherenditen so interessant zu sein wie schon lange nicht mehr – vor allem von bereits auf dem Markt befindlichen Papieren. US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bieten aufgrund ihres Kursverfalls aktuell einen Zinskupon von etwas über drei Prozent, deutsche Schuldtitel mit derselben Laufzeit werfen ein Prozent Umlaufrendite ab. „Der historisch schnelle Zinsanstieg in den USA und in Europa hat massive Bewertungskorrekturen ausgelöst“, sagt Joachim Schallmayer, Kapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft Deka. Er erklärt: „Der größte Teil des Zinsanstiegs dürfte mittlerweile hinter uns liegen, so dass sich die Anlagechancen im Anleihesektor mittlerweile deutlich besser darstellen, als das noch vor einem Jahr der Fall war.“

Thomas Kruse, Anlagestratege von ETF-Anbieter Amundi, teilt diese Einschätzung: „Mit den aktuellen nominalen Renditen werden Staatsanleihen von EU-Kernländern ebenso wieder interessanter wie auch US-Staatsanleihen. Grundsätzlich aber kommt es darauf an, ob man als Investor annimmt, dass die Zinsen – speziell langlaufender Staatsanleihen – noch weiter steigen werden. Gerade für die USA gehen wir davon aus, dass wir im zehnjährigen Bereich mit 3,2 bis 3,4 Prozent schon ein sehr hohes Niveau erreicht haben, das vermutlich nur noch kurzfristig überschritten werden sollte.“ Für die Zinskupons von Staatsanleihen aus der Euro-Zone sieht Kruse noch Luft nach oben: „In der Eurozone beginnt die EZB gerade erst die Zinsen zu erhöhen. Hier lohnt es sich also noch etwas zu warten“, so der Experte von Amundi.

Inflation frisst Renditen

Bietet sich aufgrund der Kehrtwende der Notenbanken nun der Einstieg in Schuldtitel an? Der Haken bei der Sache: Nur die Nominalzinsen der Staatspapiere sind positiv. Abzüglich der Inflation sind die Realrenditen der meisten Anleihen immer noch im negativen Bereich. Ein Nominalzinsertrag von etwa drei Prozent für eine US-Staatsanleihe bei einer Inflation von gut acht Prozent ergibt keine positive Realrendite – zumindest aus aktueller Sicht. Sollte die Inflation in Zukunft aber wieder gebändigt werden, könnten die aktuellen Anleiherenditen attraktiv sein.

Deka-Experte Schallmayer rät Anlegern aufgrund der Unsicherheit, nur behutsam Positionen in Staatsanleihen aufzubauen: „Anleger sollten bis auf weiteres vorsichtig agieren. Die Marktanpassungen und Dynamiken schwächen sich zwar ab, sind aber noch voll in Gang.“ Wichtig sei eine gute Diversifikation im Anlageportfolio. „Durch den starken Renditeanstieg der Staatspapiere gelingt es heute leichter, ein gut diversifiziertes Portfolio zusammenzustellen, als das noch vor einem Jahr der Fall war. Eine sukzessive höhere Gewichtung von Anleihen im Portfolio ist somit durchaus sinnvoll.“

Inflationsindexierte Anleihen als Ausweg?

Investmentlegende Warren Buffett empfiehlt US-Anlegern in Zeiten hoher Inflation einen anderen Typus von Anleihe zu kaufen – sogenannte TIPS, Treasury Inflation-Protected Securities. Das sind inflationsgeschützte US-Staatsanleihen. Anleihen mit Inflationsschutz geben auch andere Länder als die USA heraus, etwa die Bundesrepublik. Hierzulande sind sie ein wenig beachtetes Anlagesegment. Inflationsgeschützte Anleihen haben einen vergleichsweise geringen Nominalzins. Ausgestattet sind sie allerdings mit einem Inflationsaufschlag: Zinsen und Rückzahlungswert orientieren sich am Konsumentenpreisindex. Das bedeutet: Steigt die Inflation etwa um 3 Prozent, werden auch die Zinszahlungen und die Rückzahlung der Anleihe um 3 Prozent erhöht.

Zwar sind auch die Kurse von inflationsgeschützten Anleihen seit Jahresbeginn gefallen. Trotzdem: In den vergangenen Jahren haben sich Schuldtitel mit Inflationsschutz deutlich besser geschlagen als herkömmliche Staatspapiere – was daran lag, dass die Inflation stärker gestiegen ist als erwartet. So etwa der iShares Global Inflation Linked ETF, der einen Korb aus inflationsgeschützten Anleihen der wichtigsten Industrieländern hält. Er ist auf Dreijahressicht 4,7 Prozent im Plus. ETFs, die Schuldtitel ohne Inflationsschutz halten, wie beispielsweise der Lyxor Core Global Government Bond ETF, liegen im selben Zeitraum mit mehr als zehn Prozent im Minus.

Aber: Aufgrund ihres geringen Zinskupons sind inflationsgeschützte Anleihen nur dann eine Alternative zu herkömmlichen Schuldtiteln, wenn die Inflation in Zukunft stärker anzieht als erwartet. Deshalb gilt: Wer in inflationsgeschützte Anleihen investieren möchte, muss die Inflationserwartung des Marktes mit der eigenen Prognose abgleichen. Sind die von den Marktteilnehmern erwarteten Steigerungen der Verbraucherpreise zu hoch, so lohnt womöglich ein Investment in eine herkömmliche Anleihe ohne Inflationsschutz. Denn eine übertriebene Inflationserwartung kann als Überbewertung von Schuldtiteln mit Inflationsschutz verstanden werden.

Kapitalmarktstratege Schallmayer von der Deka glaubt nicht, dass Anleger mit inflationsgeschützten Anleihen in Zukunft besser abschneiden als mit normalen Schuldtiteln. Er erklärt: „Die aktuell hohen Inflationsraten und auch die Erwartung, dass diese sich über längere Zeiträume auf einem höheren Niveau einpendeln werden, ist in den heutigen Preisen inflationsgeschützter Anleihen bereits enthalten. Eine Investition in diese Anleihen ist deshalb nur empfehlenswert, wenn Anleger von noch höheren als den aktuell dort eingepreisten Inflationsraten ausgehen.“

Auch Amundi-Experte Kruse hält inflationsindexierte Anleihen aktuell für eine wenig gute Anlageidee. „Inflationsgeschützte Anleihen entwickeln sich mit der erwarteten Inflation“, erklärt Kurse. „Da wir davon ausgehen, dass sich die Inflation auf Sicht der kommenden 12 Monaten wieder zurückentwickeln sollte, ist der Zeitpunkt für einen Einstieg in diese Anlageklasse nicht mehr optimal.“

Land in Sicht: Zeiten steigender Zinsen bald vorbei?

Gift für die Renditen. Das sind Zeiten steigender Leitzinsen und hoher Inflation. Zu diesem Ergebnis kommt der britische Finanzwissenschaftler Elroy Dimson. Im „Credite Suisse Global Investment Yearbook 2022“, einer Studie, die Dimson zusammen mit zwei weiteren Autoren für die Schweizer Bank verfasst hat, hat er den Einfluss steigender Leitzinsen auf die Renditen von Vermögenswerten untersucht. Das Ergebnis der Studie: Egal, welchen Zeitraum in den letzten 120 Jahren man betrachtet, erhöhen die Zentralbanken ihre Zinsen, um die Inflation einzudämmen, fallen sowohl die Anleihen- als auch die Aktienrenditen.

US-Staatsanleihen haben laut der Untersuchung in Zeiten von steigenden Zinsen im Schnitt eine Realrendite von 0,2 Prozent, während ihre Rendite in Zeiten fallender Zinsen bei durchschnittlich 3,7 Prozent liegt. Die Renditen von US-Aktien gehen in Zeiten strafferer Notenbankpolitik auf 3,0 Prozent zurück. Sind die Leitzinsen niedrig, liegen ihre Erträge im Schnitt bei 9,7 Prozent. In Zeiten besonders hoher Inflation – wie etwa heute – haben beide Anlageklassen sogar negative Realrenditen, stellt die Studie fest.

Was bedeutet das für Anleger? Sollten sie die Füße stillhalten und das Ende des Zinserhöhungszyklus abwarten? In der Studie heißt es: „Die Geschichte kann nur Hinweise auf die Zukunft geben. Deshalb sollten wir mit Prognosen vorsichtig sein.“ Da Zentralbanken wie die Fed ihre künftigen Zinserhöhungen groß angekündigt hätten, wäre vieles bereits in den Kursen eingepreist. Da die Notenbanken aber auch einen wirtschaftlichen Abschwung vermeiden wollen, könnten wir bereits das Ende der Fahnenstange der Zinserhöhungen gesehen haben, mutmaßen die Studienautoren. Dann dürften bald wieder die Renditen steigen – auch die von Anleihen.

***

Martin Grajner ist freier Journalist. Sein Schwerpunkt sind Börsen- und Finanzthemen, vor allem mit Nachhaltigkeitsbezug. 

 


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