Börse

Lohnt sich Stock Picking für Privatanleger?

Lesezeit: 5 min
23.05.2022 16:20  Aktualisiert: 23.05.2022 16:20
Stock Picking ist das gezielte Auswählen von einzelnen Aktientiteln. Ziel ist eine überdurchschnittliche Rendite. Doch ist das für Privatanleger realistisch?
 Lohnt sich Stock Picking für Privatanleger?
Stock-Picker wollen besser abschneiden als die Profis und der Markt. Doch ist das möglich oder verbrennt man so nur sein Geld? (Foto: iStock.com/FotografieLink)
Foto: FotografieLink

Warren Buffett gilt als Archetyp des erfolgreichen Investors. Seit über fünfzig Jahren schneidet der US-Milliardär deutlich besser ab als der breite Aktienmarkt. Wer im Jahr 1976 einen US-Dollar in Berkshire Hathaway, dem Unternehmen Buffetts, investiert hätte, hätte im Jahr 2011 rund 1500 US-Dollar gehabt. Das entspreche einer jährlichen Rendite von 19 Prozent und sei deutlich mehr als der durchschnittliche Aktienmarkt mit 6,1 Prozent, berichten US-Finanzwissenschaftler in einer Studie. Ist eine solche Performance auch für Privatanleger realistisch – oder ist es am klügsten, sich ein weltweit gestreutes ETF-Portfolio aufzubauen?

Was ist Stock Picking?

Stock Picking heißt auf Deutsch „einzelne Aktien auswählen“. Der Stock-Picker versucht, Aktientitel zu finden, die unterbewertet sind. Ob eine Aktie günstig ist, entscheidet er beispielsweise anhand der Fundamentalanalyse – er untersucht also die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis. Nachdem der Stock-Picker das Wertpapier gekauft hat, muss auch der Markt eine Unterbewertung annehmen und andere Anleger müssen den Kurs der Aktie nach oben bieten. Dann kann der Stock Picker das Wertpapier mit Gewinn verkaufen.

Funktioniert Stock Picking?

Die SPIVA-Untersuchung des Indexanbieters S&P Dow Jones dokumentiert bereits seit Jahren, dass die meisten professionellen Fondsmanager schlechter abschneiden als ein Vergleichsindex. Laut den aktuellen Zahlen erzielten 83 Prozent der europäischen Aktienfonds in den vergangenen zehn Jahren eine geringere Rendite als der S&P Europe 350, ein Index mit 350 Aktiengesellschaften aus Europa. Für die USA und alle anderen Regionen der Welt kommt S&P zu ähnlichen Ergebnissen: Etwa schnitten 83 Prozent der US-Standardwerte-Aktienfonds in den vergangenen zehn Jahren schlechter ab als der S&P 500.

Laut dem Vermögensberater Gerd Kommer ist die Zahl der Outperformer unter den Fondsmanagern extrem gering. Nehme man an, die Fondsperformance sei einzig durch Zufall bedingt und nicht durch das Können des Fondsmanagers, dann sei statistisch noch immer eine höhere Zahl an Outperformern zu erwarten als die tatsächliche Zahl an Fondsmanagern, die den Markt schlage. Die wenigen Warren Buffetts unter den Fondsmanagern hätten darum bloß Glück – und kein spezielles Können, wie das die Fondsbranche behaupte. „Hätte die Fondsbranche Recht, müsste es viel mehr Warren Buffetts geben, da die bestehenden Outperformer ja schon allein statistisch und ganz ohne Können zu erwarten wären“, schreibt der ETF-Experte in seinem Buch „Souverän Investieren mit Indexfonds“.

Der Finanzexperte Marcos Pérez sieht zwei Gründe für das schwache Abschneiden der meisten Fondsmanager und Privatanleger. Erstens stünden Anleger unter enormen psychischen Druck, wenn sie Verluste einfahren. Dieser verleite sie dazu, sich von ihren Emotionen mitreißen zu lassen und Fehler zu begehen. „Außerdem sind die Nebenkosten beim Stock Picking höher, etwa für Ordergebühren. Häufiges Traden bringt zudem auch steuerliche Nachteile mit sich“, erklärt der Physiker, der viele Jahre als Risikomanager in der Finanzbranche gearbeitet hat und mittlerweile einen Fonds namens Affinium Internacional betreibt, der die Entwicklung von verschiedenen Anlageklassen über Indizes darstellt.

Sollten Privatanleger auf erfolgreiche Fondsmanager setzen?

Auch die wenigen Fondsmanager, die den Markt schlagen, lassen sich nicht voraussagen. Das zeigt die SPIVA-Untersuchung ebenfalls. Die Forscher untersuchten die Performance von Tausenden von Fonds zwischen den Jahren 2003 und 2016. Davon schaffte es bloß ein kleiner Teil, einen Vergleichsindex in den ersten zehn Jahren zu schlagen. Anschließend betrachteten die S&P-Forscher die Performance der erfolgreichen Fonds in den folgenden drei Jahren von 2013 bis 2016.

Das Ergebnis: Bis zum Ende des dritten Jahres erzielte in der Regel bloß ein winziger Teil der Fonds weiter Überrenditen. Im Bereich der Standardwerte-Fonds schafften es etwa knapp 20 Prozent der Fonds, die Benchmark in den ersten zehn Jahren zu schlagen. Doch von diesen rund 200 erfolgreichen Fonds erzielte bloß noch knapp 15 Prozent im Folgejahr eine Überrendite. Im zweiten Jahr sinkt die Zahl auf knapp 6 Prozent und nach dem dritten Jahr schaffte es keiner der ursprünglich erfolgreichen Fonds mehr, die Benchmark zu schlagen.

Marcos Pérez rät darum von „performance chasing“ ab, also dem Kaufen von Fonds, die in der Vergangenheit hohe Renditen erzielt haben. „Die Zukunft ist unsicher und kann nicht vorausgesagt werden. Darum können wir auch nicht wissen, welcher Fonds zukünftig outperformen wird“, erklärt er.

Macht Stock Picking gar keinen Sinn?

Pérez sieht indes eine Daseinsberechtigung für die Fundamentalanalyse. Manche Anleger hätten mit der Methode Erfolg. Dazu müsse man aber nicht bloß einseitig auf Finanzkennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis schauen, wie das die meisten Fondsmanager machen, sondern auch das Management und die Philosophie des Unternehmens analysieren. „Das können bloß professionelle Anleger erfolgreich tun, die ihre gesamte Zeit in das Studium der Firmen investieren“, erklärt Pérez. „Einer der erfolgreichsten Value-Investoren Spaniens, Francisco García-Paramés, sagt oft, dass er mindestens zwei bis vier Jahre brauche, um ein Unternehmen vollständig zu verstehen, bevor er sich entscheide, in es zu investieren.“

Für Privatanleger sei Stock Picking nichts, erklärt Pérez weiter. Diese sollten entweder selbst über ETFs weltweit gestreut in die Märkte investieren oder einen Fonds kaufen, der auf Indizes aufgesetzt sei und eine überzeugende Anlagephilosophie verfolge. Pérez verwendet etwa in seinem Fonds eine Strategie, bei der je ein Viertel des Vermögens in Aktien, Anleihen, Immobilienaktiengesellschaften (REITs) und Gold fließt. Ein solch weltweit gestreutes ETF-Portfolio wappne den Anleger gegen jedes Konjunkturszenario – etwa schütze Gold vor hoher Inflation und geopolitischem Risiko, erklärt er.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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