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Halo-Effekt: Warum es gut aussehende Menschen leichter haben

Lesezeit: 6 min
11.08.2022 10:15
Personen, die gemeinhin als attraktiver gelten, genießen in vielen Lebensbereichen Vorteile. Der Halo-Effekt ist maßgeblich verantwortlich dafür.
Halo-Effekt: Warum es gut aussehende Menschen leichter haben
Attraktive Menschen haben es teils auch im Job einfacher. (Foto: Pixabay)

Der Halo-Effekt gehört zu den kognitiven Verzerrungen, die uns auch in Form verschiedener Biases, wie beispielsweise Hindsight Bias oder Confirmation Bias, begegnen. Was zunächst vielleicht etwas sperrig klingt, lässt sich alltagssprachlich ganz anschaulich übersetzen:

Wenn wir einer Person zum ersten Mal begegnen und diese Person sehr gutaussehend ist, sind wir versucht, dieses eine Merkmal auf andere Eigenschaften der Person zu übertragen. Wir schreiben ihr dann zu, dass sie fleißig, motiviert und vielleicht sogar intelligenter als die übrigen Menschen ist. Dass diese Zuschreibungen mit der Realität nicht viel zu tun haben müssen, braucht man wohl nicht extra zu erwähnen.

Es kommt zu dieser Fehleinschätzung, weil ein markantes Merkmal, in unserem Fall das Aussehen, alle anderen Eigenschaften dieser Person überlagert – vergleichbar einem Heiligenschein. Daher nennt man den Halo-Effekt im Deutschen eben auch Heiligenschein-Effekt.

Die Entdeckung des Halo-Effekts

Dass es kognitive Verzerrungen gibt oder wir Menschen uns von der äußeren Erscheinungsform oder anderen Merkmalen täuschen lassen, dürfte kein Geheimnis sein. Eine der ersten Personen, die den Effekt zum ersten Mal beobachteten, war Frederic L. Wells im Jahre 1907. Erstmals systematisch beschrieben wurde das psychologische Phänomen von dem us-amerikanischen Psychologen Edward Thorndike.

Er bat im Ersten Weltkrieg Offiziere, ihre Soldaten im Hinblick auf Intelligenz, Führungsverhalten, Charakter, Kondition und andere Fähigkeiten und Merkmale näher zu beurteilen. Dabei zeigte sich, dass diejenigen Soldaten, die gemeinhin als attraktiv galten und eine besonders aufrechte Körperhaltung hatten, in allen Bereichen bessere Beurteilungen bekamen als ihre weniger attraktiven Kameraden.

Der Halo-Effekt kann in diesem Sinne eine Begründung für einige weit verbreitete Vorurteile sein. Nicht nur werden attraktive Personen für erfolgreicher und sympathischer als andere gehalten. Bei Brillenträgern überträgt sich das Merkmal Brille insoweit auf die gesamte Person, dass diese als intelligenter oder belesener als Nicht-Brillenträger beurteilt wird.

Füllige Personen gelten wegen ihrer Körpermaße als gesellig und Genussmenschen; und weniger attraktive Personen halten wir für eher unsympathisch und schreiben ihnen oftmals zu, etwas behäbig und mitunter auch faul zu sein.

Woher kommt die psychologische Verzerrung?

Der Halo-Effekt dient wie andere Denkabkürzungen dazu, uns das Leben ein wenig zu erleichtern. Denn in grauer Vorzeit mussten die Frühmenschen schnell entscheiden, ob sie ihrem Gegenüber vertrauen konnten oder nicht. Nicht selten hing das eigene Überleben von dieser Entscheidung ab – und dafür blieb nicht viel Zeit.

Daher bildeten sich einige Faustregeln und Möglichkeiten heraus, schnell zu einem Entschluss zu kommen und die Situation zu beurteilen. Eine dieser Abkürzung ist der Halo-Effekt.

Der Halo-Effekt am Arbeitsplatz und bei der Leistungsbeurteilung

Und den nutzen wir auch heute noch ganz gerne. Zum Beispiel der Personaler im Vorstellungsgespräch. Wenn er einen Bewerber zum ersten Mal sieht, wird er vermutlich unbewusst auf diesen Effekt hereinfallen. Denn wie wir gesehen haben, ist es ganz natürlich, dass wir uns von einigen psychologischen Verzerrungen beeinflussen lassen, wenn wir Personen zum ersten Mal treffen und diese beurteilen sollen. Und nichts anderes macht der Personalverantwortliche ja im Vorstellungsgespräch.

Aber nicht nur am Arbeitsplatz, auch in der Schule, Uni oder bei anderen Gelegenheiten, bei denen die Leistung von Personen beurteilt werden soll, kommt dieser Effekt zum Tragen. Schüler, die als Kandidaten für gute oder sehr gute Noten gelten, erhalten häufig tatsächlich häufiger diese Noten. Das auch dann, wenn die objektive Leistung in der konkreten Klassenarbeit oder mündlichen Prüfung nur durchschnittlich ist.

Vorgesetzte, die von einem Mitarbeiter ein gutes Bild haben, werden alle Leistungen dieser Person in diesem positiven Licht beurteilen. Wie in dem Beispiel der Klassenarbeit gilt das auch für Leistungen, die nicht wirklich äußerst positiv sind.

Die Nachteile des Halo-Effekts

Bis hierhin klingt die Sache mit dem Halo-Effekt ja ganz nützlich: Wenn wir eine positive Eigenschaft haben, die einiges an Strahlkraft besitzt, können wir damit Eigenschaften und Merkmale ausgleichen oder gar übertünchen, die weniger positiv sind.

Doch leider wirkt der Effekt nicht nur für positive Zuschreibungen, sondern auch für negative. Konkret heißt das: Wenn der Personaler aufgrund eines bestimmten Merkmals oder einer Eigenschaft ein schlechtes Bild von uns hat, wird er nur schwierig von diesem Bild wieder abrücken können.

Personen, die beispielsweise aufgrund ihres Auftretens einen schlechten ersten Eindruck machen, haben es ungleich schwerer, den Personaler im Vorstellungsgespräch davon zu überzeugen, dass er ihnen eine Chance geben sollte.

Das hilft gegen den Halo-Effekt

Der Halo-Effekt beeinflusst uns leider stärker als wir möchten. Daher ist es gar nicht so einfach, sich gegen die Verzerrung zur Wehr zu setzen. Als Bewerber oder Mitarbeiter im Joballtag kann man wohl recht wenig tun. Denn ob und in welcher Ausprägung sich der Personalverantwortliche oder Vorgesetzte von diesem Phänomen beeinflussen lässt, können wir nicht mitentscheiden oder dirigieren.

Wir könnten vielleicht versuchen, eine Eigenschaft, die unser Gegenüber als besonders positiv beurteilen könnte, besonders hervorzuheben und somit den Halo-Effekt in unserem Sinne zu nutzen. Ob das jedoch so einfach klappt, sei dahingestellt.

Wir selbst können jedoch einiges tun, damit wir uns nicht von dem Halo-Effekt blenden lassen. Denn nicht nur wir wollen im ersten Gespräch mit dem Personaler oder Kunden besonders positiv wirken. Häufig versucht auch unser Gesprächspartner, uns zu beeindrucken und sich möglichst positiv zu verkaufen.

Damit wir am Ende nicht bei einem Arbeitgeber landen, der nicht zu uns passt, sollten auch Bewerber im gesamten Entscheidungsprozess vorsichtig sein. Um den Halo-Effekt zu vermeiden, bieten sich verschiedene Strategien an. Zum Beispiel:

Versprechen nacheinander beurteilen: Wenn alles gut läuft, werden Sie nicht nur zu einem, sondern gleich zu mehreren Vorstellungsgesprächen eingeladen. Erstellen Sie danach eine Liste der Versprechen, die Sie von den unterschiedlichen Unternehmen erhalten haben und vergleichen Sie im nächsten Schritt diese Versprechen Punkt für Punkt miteinander. Sie können zum Beispiel auch eine Liste anlegen und darin die für Sie wichtigsten Kriterien festhalten und die verschiedenen Unternehmen auf einer Skala eingruppieren. Wichtig ist auch hier, dass Sie zwischen den verschiedenen Unternehmen wechseln. Vermeiden Sie es unbedingt, ein Unternehmen nach dem anderen zu beurteilen. So könnte eine positive Eigenschaft des potenziellen Arbeitgebers alle anderen Eigenschaften überstrahlen und Sie zu einem falschen Ergebnis kommen.

Zeit für die Entscheidung nehmen: Der Halo-Effekt ist dazu da, unter Zeitdruck zu einer möglichst verlässlichen Einschätzung einer Situation zu kommen. Zeitmangel kann daher den Effekt noch zusätzlich verstärken. Nehmen Sie sich daher ausreichend Zeit, um die verschiedenen Ergebnisse miteinander zu vergleichen und zu einem Entschluss zu kommen. Sollte der Personaler Sie zu einem schnellen Entschluss drängen wollen, bitten Sie um ein wenig Bedenkzeit für Ihre Entscheidung. Normalerweise sollte er das akzeptieren. Tut er es nicht, sollten Sie sich ohnehin überlegen, ob dieser Arbeitgeber der richtige für Sie ist.

Halo-Effekt bewusst machen: Behalten sie bei all Ihren Entscheidungen im Hinterkopf, dass wir uns in vielen Situationen von dem Halo-Effekt beeinflussen lassen. Wenn Sie sich die Gefahr dieser psychologischen Verzerrung immer wieder ins Bewusstsein rufen, stehen die Chancen besser, dass Sie zu einem möglichst objektiven Urteil kommen.

***

Julia-Eva Seifert arbeitet als freie Journalistin und schreibt am liebsten zu Themen aus dem HR-Bereich, da sie u.a. als Headhunter gearbeitet hat.

 

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