Börse

Inflation: Drohen zwanzig verlorene Jahre an der Börse?

Lesezeit: 5 min
17.10.2022 07:44  Aktualisiert: 17.10.2022 07:44
Energiekrise, Deglobalisierung, Überalterung, dazu ein fragiler Euro und eine teure Klimapolitik – all das könnte dauerhaft hohe Inflation begünstigen. Wie schützen sich Anleger? 
Inflation: Drohen zwanzig verlorene Jahre an der Börse?
Obwohl die Aktienkurse nominal steigen, kann nach Abzug der Inflation ein Verlust anfallen. (Foto: iStock.com/photoschmidt)
Foto: photoschmidt

Eine Inflation kann die Aktienrenditen durchaus lange drücken. Etwa sank der DAX von 1960 bis Anfang der Achtzigerjahre um knapp 50 Prozent nach Abzug der Inflation, wie der Publizist Christian Röhl in einem Youtube-Video zeigt. Auch US-Aktien fielen um die Siebzigerjahre deutlich: Der S&P 500 Composite bewegte sich laut Röhl knapp 20 Jahre seitwärts, zieht man die Inflationsrate ab.

„Wenn man immer sagt ,eingebauter Inflationsschutz bei Aktien’, ist das grundsätzlich über lange Fristen nicht falsch“, kommentiert Röhl die Zahlen. „Unter Umständen können die Fristen aber länger sein, als der Atem, den man hat.“ Dabei hat Röhl Anlagekosten und Steuern noch gar nicht berücksichtigt.

Ökonomen halten eine längere Inflation für durchaus möglich angesichts der ungünstigen demografischen Lage, dem Trend zur Deglobalisierung, aber auch der teuren Klimapolitik und dem fragilen Euro. Etwa warnt Thomas Mayer, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank: „Wenn der Euro nicht reformiert wird – und die Wahrscheinlichkeit halte ich für sehr gering – dann wird er ein Siechtum erleben, das sich noch über viele Jahre hinziehen kann.“ Mayer sieht die Währung in der Nachfolge der italienischen Lira, bei der die Inflation zwischen 1971 und 1999 bei 9 Prozent pro Jahr gelegen habe, wie er in einem Interview erklärt.

Geldüberhang von 15 Prozent

Laut Thorsten Polleit beträgt der Geldüberhang in der Eurozone und in den USA ungefähr 15 Prozent. „Als grobe Daumenregel lässt sich daraus ableiten, dass die Güterpreise in eben dieser Größenordnung noch zunehmen werden“, schreibt der Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel im „Marktreport September” und fügt hinzu: „Etwa in dem Sinne, dass die Güterpreise in einem Jahr um 15% ansteigen, oder dass sie innerhalb von zwei Jahren um etwa 7,5% pro Jahr zulegen.“

Doch erste Zentralbanken kehren bereits wieder zur lockeren Geldpolitik zurück – trotz des Geldüberhangs. Etwa kündigte die Bank of England Anleihekäufe an, um das Pfund und die britischen Anleihekurse zu stützen. Auch die EZB will mit dem neuen TIP-Programm bevorzugt Anleihen von Euro-Südländern kaufen.

Anleger sollten sich also auch auf eine längere Inflation vorbereiten. Etwa rät der Finanzexperte Hartmut Walz im Buch „Einfach genial entscheiden im Falle einer Finanzkrise“ zu einer „Strategie des geringsten Bedauerns“. Weil die Zukunft ungewiss sei, sollten sich Anleger auf jedes Krisenszenario vorbereiten und dabei den zu erwartenden Schaden minimieren – ohne auf ein bestimmtes Szenario zu spekulieren, schreibt der BWL-Professor der Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

Gold als Inflationsschutz

Etwa rät Walz zu einer Goldquote zwischen 5 und 20 Prozent. Gold habe ein sehr hohes stock-to-flow-Verhältnis von 100 zu 1,5. Die jährliche Förderung mache also gerade einmal 1,5 Prozent der gesamten weltweiten Goldbestände aus. Gold sei deswegen „besonders inflationssicher“, schreibt Walz. „Denn wenn die Goldnachfrage steigt, kann sie nicht einfach durch Produktionsausweitung befriedigt werden.“

Das Edelmetall lieferte gleichwohl in der kurzen und mittleren Frist nicht immer Zugewinne, die über der Inflationsrate lagen. Thomas Mayer hat in einer Studie den Preis seit 1875 untersucht und festgestellt, dass Gold in rund der Hälfte aller Fünf-Jahres-Zeiträume eine negative Realrendite erzielte. Dennoch seien die Renditen vor allem in Krisenzeiten hoch gewesen, besonders in den Siebzigern, in den frühen Dreißigerjahren sowie nach der Finanzkrise 2008.

Mayer hält Gold für eine gute Ergänzung in einem Aktienportfolio. „Bei der hier betrachteten fünfjährigen Haltedauer ist die reale Rendite der Anlage in Gold mit der in Aktien negativ korreliert“, schreibt der Direktor des Flossbach von Storch Research Institute. Der Goldpreis entwickelte sich also häufig gegenläufig zu den Aktienkursen, was ein Portfolio gegen Wertschwankungen absichert.

Value und Momentum als Inflationsschutz

Eine weitere Option könnte für ETF-Anleger sein, bestimmte Faktorprämien überzugewichten. Laut den Vermögensverwaltern MFS und Allianz Global Investors entwickelten sich in Phasen hoher Inflation vor allem Value und Momentum gut. Der Nachteil: Der MSCI World Value oder MSCI World Momentum enthalten deutlich weniger Aktientitel als ein herkömmlicher MSCI World und die TER liegt höher.

Auch bestimmte Branchen haben sich historisch gesehen bei hoher Inflation besser entwickelt. Laut dem Investment-Riesen Schroders waren vor allem Energieunternehmen und Equity-REITs ein zuverlässiger Inflationsschutz. Dazu untersuchte das Londoner Unternehmen die Performance von US-Aktien bei Inflation von über 3 Prozent seit 1973.

Aktien von Energieunternehmen lieferten im Schnitt 9 Prozent reale Rendite pro Jahr über alle Inflationsphasen hinweg und übertrafen die Inflation in 71 Prozent aller Fälle. Equity-REITs erzielten im Schnitt 4,7 Prozent und waren in 67 Prozent aller 12-Monats-Zeiträume ein Inflationsschutz.

Etwas schwächer schnitten Edelmetall- und Bergbau-Aktien ab. In weniger als der Hälfte aller Ein-Jahres-Zeiträume, in denen die Teuerungsrate über 3 Prozent lag, konnten sie die Inflation schlagen. Besonders schwach waren IT-Werte, Nicht-Basiskonsumgüter und Mortage-REITS, also Immobiliengesellschaften, die in Hypotheken investieren.

Branchenwette als Inflationshedge

Stock-Picker könnten sich also Titel aus diesen Branchen ins Portfolio nehmen, während ETF-Fans zu einem kleinen Teil einen global gestreuten Branchen-ETF beimischen können.

Denn viele Branchen, die historisch gesehen bei hoher Inflation gut liefen, sind im MSCI World besonders niedrig gewichtet. Das gilt etwa für Energie (5,2 Prozent Anteil), Rohstoffe (4,2 Prozent) oder REITs (2,8 Prozent). Hoch gewichtet sind hingegen IT-Unternehmen (21,1 Prozent), die laut Schroders besonders inflationssensibel sind. „Das Gros ihrer Cashflows wird in ferner Zukunft erwartet, deren Barwert bei steigender Inflation deutlich geringer ist.“

Der Vermögensverwalter Incrementum empfiehlt Stock-Pickern, neben Immobilien, Gold und Silber, Value-Aktien und Bitcoin auf Firmen mit Preissetzungsmacht zu bauen. Diese könnten auch bei steigender Inflation die Preise und somit die Gewinnspanne erhöhen. Im Inflationsreport 2020 rät Incrementum außerdem zu Unternehmen mit hoher durchschnittlicher Gewinnmarge, niedrigem Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten und einem hohen Anteil an festverzinslichen Schulden am Eigenkapital. Letztere könnten profitieren, weil die Inflation den Schuldendienst erleichtere.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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