Geldanlage

Extreme Märkte werden viele in Panik versetzen, aber wenige sehr reich machen

Lesezeit: 6 min
06.05.2021 14:15  Aktualisiert: 06.05.2021 14:15
Banken und Politik fürchten sowohl Inflation als auch Deflation, wenn diese zu stark werden. Doch verhindern können sie beide letztlich nicht. Was bedeutet dies für Anleger?
Extreme Märkte werden viele in Panik versetzen, aber wenige sehr reich machen
Zahlreiche Indikatoren deuten auf extreme Risiken in den Finanzmärkten. Doch nur wenige sind gut vorbereitet. (Bild: Pixabay)

Man kann sicherlich darüber streiten, welche Anlagestrategie derzeit die beste ist. Doch eines scheint sicher: Die Entwicklungen auf den Finanzmärkten haben derart extreme Ausmaße erreicht, dass sie auch entsprechend große Risiken mit sich bringen. Dies zeigen beispielhaft die folgenden beiden Grafiken, auf die der Analyst Charles Hugh Smith kürzlich hingewiesen hat.

In der ersten Grafik sind die Margin-Schulden dargestellt, also Kredite, die gegen das eigene Aktienportfolio aufgenommen worden sind, um auf diese Weise mit Hebelwirkung die Gewinne zu erhöhen. Ihre Summe ist in die Nähe von 500 Milliarden Dollar gestiegen und liegt auf einem Rekordhoch, höher als vor dem Platzen der Dot-Com-Blase und höher als vor der Großen Finanzkrise.

In der zweiten Grafik ist ein Maß dafür dargestellt, wie stark die Wetten auf einen fallenden Aktienmarkt sind. Und auch hier zeigt sich ein Extrem. Denn niemals zuvor haben Investoren so wenig auf fallende Aktienkurse gewettet wie heute. Das heißt, die allermeisten Investoren erwarten eher steigende Aktienkurse und haben ihre Wetten entsprechend platziert.

Was wäre gut für die Banken?

In der aktuellen Lage gibt es zwei entscheidende Risiken, die jedoch entgegengesetzt zu sein scheinen. Zum einen droht eine starke Inflation, die möglicherweise auch zu einer Hyperinflation führt. Zum anderen droht in der Folge von Zahlungsausfällen und platzenden Vermögensblasen ein deflationärer Zusammenbruch.

Für beide Szenarien – Inflation und Deflation – gibt es gute Argumente und zahlreiche Experten, die sie voraussagen. Doch der Analyst Charles Hugh Smith geht einen anderen Weg. Er untersucht den Streit, indem er zwei wichtige Fragen stellt. Erstens: Welches Szenario wird den Banken nützen? Zweitens: Welches Szenario wird den Staaten in der „geopolitischen Hackordnung“ zugute kommen?

Jene Experten, die eine Inflation erwarten, weisen darauf hin, dass die extrem hohen und weiter steigenden staatlichen und privaten Schulden nur dann abgezahlt werden können, wenn die Einkommen steigen. Denn nur so haben Haushalte, Unternehmen und Staaten genug Geld, um die Zahlungen für ihre steigenden Schulden zu leisten. Mit anderen Worten: Inflation ist notwendig, damit Kredite bedient werden können.

Dass Inflation derzeit ein Risiko darstellt, glauben offenbar auch viele Unternehmen. Die Bank of America hat gerade untersucht, wie oft das Wort „Inflation“ in den letzten Vorstellungen der Finanzzahlen bei S&P-500-Unternehmen genannt wurde. Und wie die folgende Grafik zeigt, fällt das Wort „Inflation“ derzeit fast neunmal so oft wie noch vor einem Jahr. Das ist der mit Abstand größte Anstieg seit zwei Jahrzehnten.

Eine höhere Inflation kann schnell in eine sich selbst verstärkende Spirale eskalieren, die bis zur Hyperinflation führen kann. Sobald die Hyperinflation Fahrt aufgenommen hat, stellt dies ein enormes Problem für die Banken dar. Denn die von ihnen vergebenen Kredite können nun zwar von den Schuldnern leicht zurückgezahlt werden. Doch das eingenommene Geld ist plötzlich kaum noch etwas wert.

Eine Hyperinflation zerstört nicht nur die Währung, sondern auch den gesamten Bankensektor. Und die Banken werden sicherlich nicht tatenlos zusehen, wie eine überaus hohe Inflation ihre Vermögen und ihre Einkommen ruiniert. Vielmehr werden sie wohl ihre politische Macht in Stellung bringen, damit sie nicht durch eine Hyperinflation zu Fall gebracht werden.

Die Banken würden es bevorzugen, wenn die Zentralbanken, statt eine hohe Inflation zu riskieren, Zahlungsausfälle bei Krediten zulassen würden. Diese Zahlungsausfälle könnten die Banken dann in Form von Bankenrettungen auf die Staaten abwälzen, wie es in der Vergangenheit immer wieder geschehen ist. Eine Deflation, bei die monatlichen Ratenzahlung jeden Monat eine höhere Kaufkraft haben, wäre den Banken lieber.

Was nützt den Staaten?

Doch nicht nur die Banken sind Gegner einer zu starken Inflation. Auch für die Staaten wäre es ein Verlust von Ansehen und Macht, wenn ihre Währungen wertlos würden. Gerade auch für die Europäische Union wäre es womöglich der Sargnagel, wenn der Euro zerstört würde. Denn die Gemeinschaftswährung war eines ihrer wichtigsten Mittel, um ihre Macht über Europa zu entfalten.

Dass sowohl Banken als auch Staaten versuchen werden, eine Hyperinflation zu verhindern, spricht eher gegen ein solches Szenario. Es ist also durchaus nicht auszuschließen, dass die Staaten sich stattdessen für eine Welle der Zahlungsausfälle und Deflation entscheiden werden, auch wenn dieses Szenario ebenfalls sehr schmerzhaft sein würde.

Die wohlhabende Elite besitzt ausreichend Sachwerte wie Edelmetalle, Ackerland, Produktionsanlagen oder Staatsanleihen. Eine Pleitewelle von Privatpersonen und Zombie-Unternehmen kümmert sie eher weniger. Die Inhaber von Unternehmensanleihen und den bereits erwähnten Margin-Schulden würden natürlich massive Verluste erleiden. Doch diese Finanzwerte könnte die Elite vor der Pleitewelle verkaufen.

Damit die Banken in einer solchen deflationären Pleitewelle von Privathaushalten und Unternehmen nicht bankrott gehen, müssten sie bei der Politik erreichen, dass der Staat ihre Verluste durch die grassierenden Zahlungsausfälle übernimmt, dass sie also auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden. Das ist im Übrigen genau das, was nach der Finanzkrise im Jahr 2008 in den USA geschehen ist.

Doch auch im Hinblick auf eine Deflation ist Vorsicht geboten. Die eskalierenden Zahlungsausfälle können das Bankvermögen genauso schnell vernichten wie eine Hyperinflation. Denn wenn die Preise der meisten Vermögenswerte ins Bodenlose stürzen, sinkt auch der Wert der von den Banken als Sicherheiten gehaltenen Vermögenswerte extrem ab.

Mit ein wenig Inflation oder ein wenig Deflation können die Staaten recht gut umgehen. Doch sowohl Hyperinflation als auch ein deflationärer Crash untergraben das Finanzsystem insgesamt und somit auch die Finanzen der Staaten und der Eliten. Zudem können die Behörden sehr schnell die Kontrolle verlieren, wenn die Bürger unter der Last einer zu starken Inflation oder Deflation erdrückt werden.

Auch wenn man heute nicht weiß, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln, so kann man sich diese Ungewissheiten doch eingestehen und sie akzeptieren. Auf diese Weise vermeidet man eine gefährliche falsche Sicherheit und kann sich auf alle möglichen Szenarien einstellen – sowohl auf die wahrscheinlichen (Inflation und Deflation) als auch auf die weniger wahrscheinlichen (Hyperinflation und deflationärer Crash).

Im Hinblick auf solche unwahrscheinlichen und extremen „nicht-linearen“ Szenarien wie Hyperinflation und deflationärer Crash schreibt der Analyst Charles Hugh Smith: „Solche Ereignisse, welche die Mehrheit finanziell ruinieren, bereichern jene wenigen enorm, die auf eine nicht-lineare Dynamik gesetzt haben.“

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