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Kann man mit Daytrading reich werden?

Lesezeit: 5 min
01.08.2022 09:08  Aktualisiert: 01.08.2022 09:08
Kurzfristiges Spekulieren an der Börse ist seit Corona beliebt. Doch lohnt sich der Aufwand?
Kann man mit Daytrading reich werden?
Daytrader kaufen und verkaufen Wertpapiere innerhalb eines Handelstages (Foto: iStock.com/Antonio_Diaz).
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Daytrading entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem kleinen Trend. Viele Anleger begannen im Zuge der Corona-Krise mit dem Tageshandel an der Börse. Etwa stieg das Google-Suchvolumen für den Begriff Daytrading seit März 2020 deutlich an. Die Voraussetzungen waren praktisch ideal: Große Kursschwankungen boten die Chance auf höhere Gewinne in kürzerer Zeit.

Daytrading meint dabei den Kauf und Verkauf eines Wertpapiers innerhalb eines Handelstages. Weil die Kursschwankungen an einem Tag üblicherweise sehr gering sind, müssen Daytrader Hebel einsetzen, um höhere Erträge zu erzielen. Häufig leihen sie sich Geld vom Broker, um größere Positionen aufzubauen – sogenanntes Leverage. Sie verwenden dabei meist Derivate, also Wertpapiere, die die Entwicklung eines Basiswertes wie Gold oder einer Aktie abbilden.

Daytrader verfolgen dann eine von zwei Strategien: Entweder setzen sie auf fallende oder auf steigende Kurse – sie gehen also short oder long. Dabei orientieren sie sich zum Beispiel an charttechnischen Signalen. Oder sie betreiben Ereignis-Trading: Werden an einem Tag die Inflationszahlen veröffentlicht, könnte ein Daytrader auf einen steigenden Goldpreis setzen, falls er mit höheren Inflationszahlen als der Markt rechnet.

Werden Daytrader reich?

Laut Studien schafft es indes bloß eine Minderheit, über längere Zeiträume positive Erträge zu erzielen. Der US-Finanzwissenschaftler Brad Barber untersuchte etwa Handelsdaten der taiwanesischen Börsen von 1992 bis 2006. Das Ergebnis: Nur 3 Prozent der Daytrader erzielten nach Abzug der Handelskosten eine positive Rendite. „97 Prozent der Daytrader werden beim zukünftigen Daytrading wahrscheinlich Geld verlieren“, folgern Barber und seine Mitautoren.

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 hatte Barber untersucht, ob die erfolgreichen Daytrader durch Können oder durch Glück outperformen. Er kommt zum Schluss, dass die Zahl der erfolgreichen Daytrader zu hoch ist, um sie bloß durch Glück zu erklären. Dennoch sei die Zahl der Tageshändler mit Können extrem gering: „Weniger als ein Prozent der Daytrader-Gesamtheit ist in der Lage, abzüglich Gebühren vorhersehbar und zuverlässig positive abnormale Renditen zu erzielen“, heißt es in der Studie.

Eine brasilianische Untersuchung aus dem Jahr 2020 bezweifelt indes die Ergebnisse von Barber. Laut den Autoren ist es „nahezu unmöglich“, von Daytrading zu leben. Die Studie analysierte die Performance von knapp 20.000 Daytradern an den brasilianischen Börsen von 2012 bis 2017. Demnach gaben viele Daytrader bereits nach kürzester Zeit wieder den Tageshandel auf, weil sie Verluste erzielten. Nach 300 Tagen fuhren bloß noch 3 Prozent aller Daytrader Gewinne ein, die bis dahin noch handelten (insgesamt rund 50 erfolgreiche Trader). In die Rendite berechneten die Autoren bloß Handelsgebühren ein, aber nicht Steuern und andere Kosten.

Die Erträge der 3 Prozent waren äußerst gering: Bei einem Drittel lagen sie unter dem brasilianischen Mindestlohn von 12 US-Dollar pro Tag. Rund die Hälfte verdiente mehr als ein Kassierer (über 54 US-Dollar pro Tag). An der Spitze lag ein Daytrader, der 310 US-Dollar pro Tag einnahm. Allerdings hätten die Gewinne der erfolgreichen Daytrader stark geschwankt, schreiben die Autoren.

Die brasilianischen Forscher vermuten denn auch kein Können, sondern bloß Glück bei den erfolgreichen Daytradern. Dass Brad Barber zu einem anderen Ergebnis gelangt, erklären sie sich mit den älteren Daten des US-Ökonomen, die den Zeitraum von 1992 bis 2006 umfassen. Zu dieser Zeit habe es noch keine institutionellen Hochfrequenz-Handelsalgorithmen gegeben, mit denen die Daytrader um Gewinne konkurrieren mussten, schreiben sie.

Lohnt sich Daytrading?

Der Finanzökonom Hartmut Walz rät aufgrund der Studienlage von Daytrading ab. „Ich würde ganz grundsätzlich niemandem zu Daytrading raten – weder Privatanlegern noch Institutionellen“, sagt der Professor der Hochschule Ludwigshafen am Rhein gegenüber ANG. Der Tageshandel sei ein Nullsummenspiel: Was der eine gewinne, verliere der andere. Dazu kämen die Handelskosten, sodass die Gewinne des einen am Ende kleiner seien als die Verluste des anderen.

Auch vor Daytrading-Kursen warnt Walz. Der einzige, der dabei sicher gewinne, sei der Anbieter des Kurses. „Einen Daytrading-Kurs halte ich für ebenso sinnvoll wie einen Trainingskurs für erfolgreiches Würfeln“, sagt er. Wenn Tausende von Kinder würfelten, würden immer welche dabei sein, die gleich mehrere Sechsen hintereinander hätten. Das sei zwar reiner Zufall, aber lasse sich dem Publikum immer wieder als Erfolgsstory verkaufen.

Walz empfiehlt stattdessen ein Portfolio aus weltweit gestreuten Aktien-ETFs. Ein solches Langfristportfolio sei mit drei bis vier ETFs einfach einzurichten und benötige über viele Jahre kaum Anpassungsaufwand. „Da Sie damit jedoch kaum Transaktionskosten verursachen, ist eine solche Strategie für die Finanzdienstleistungsbranche völlig unattraktiv – während Daytrading höchst lukrativ ist“, erklärt Walz und fügt hinzu: „Also erwarten Sie bitte nicht, dass Ihnen – außerhalb des Wissenschaftsbereichs oder der Verbraucherzentralen – jemand ein solches Portfolio mit minimalem Anpassungsbedarf und ganz ohne Trading empfehlen wird.“

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und hat Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Madrid studiert.


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