Geldanlage

EZB-Geldschöpfung: „Es besteht keine Gefahr einer Hyperinflation“

Lesezeit: 4 min
23.12.2021 13:43  Aktualisiert: 23.12.2021 13:43
Immer wieder warnen Sachwerte-Fans vor einer Hyperinflation. Doch VWL-Professor Steve H. Hanke von der Johns-Hopkins-Universität hält so eine Entwicklung für unwahrscheinlich.
EZB-Geldschöpfung: „Es besteht keine Gefahr einer Hyperinflation“
Nur die USA und Israel werden nach Expertenmeinung in den kommenden Jahren von einer hohen Inflation betroffen sein. (Foto: iStock.com/photoMacgyver)
Foto: photoMacgyver

Kürzlich sorgte ein Tweet von Jack Dorsey für Aufsehen. „Hyperinflation wird alles verändern. Es passiert“, schrieb der Twitter-Erfinder. Offenbar spielte der Unternehmer auf die hohe US-Inflationsrate an, die zuletzt bei 6,8 Prozent lag.

Steve H. Hanke hält indes Warnungen vor einer Hyperinflation für unbegründet. Der VWL-Professor der John-Hopkins-Universität gilt als einer der führenden Hyperinflationsexperten und war Wirtschaftsberater von Ronald Reagan. Hanke erklärt gegenüber altersvorsorge-neu-gedacht.de, dass derzeit „keine Gefahr einer Hyperinflation” bestehe. „Hyperinflation tritt auf, wenn die monatliche Inflationsrate an dreißig aufeinanderfolgenden Tagen 50 Prozent überschreitet“, sagt er. Auf das Jahr hochgerechnet wären das knapp 13.000 Prozent Inflation – deutlich mehr, als die 5,2 Prozent im November.

Seltenes Phänomen

In einem Fachaufsatz schätzt Hanke für zehn große Industrieländer, dass bloß die USA und Israel in den kommenden Jahren von hoher Inflation betroffen sein werden. „Angesichts des relativen Geldüberschusses, der in der Eurozone durch die EZB geschaffen wurde, sollte die Inflationsrate in den nächsten Jahren zwischen 2,5 bis 3 Prozent pro Jahr liegen“, vermutet Hanke. In Deutschland werde die Teuerungsrate etwas über dem europäischen Schnitt liegen. Die US-Inflation betrage in den kommenden drei Jahren 5 bis 6 Prozent, die israelische etwas weniger. „Der Inflationszyklus wird erst enden, wenn diese Zentralbanken das Geldmengenwachstum verlangsamen“, sagt Hanke.

Hyperinflationen traten in der Weltgeschichte bloß selten auf. Hanke hat insgesamt 62 ausgemacht – zuletzt im Libanon. Deutschland war zweimal betroffen: Im Januar 1920 und von August 1922 bis Dezember 1923. Laut Hanke war der Untergang der Papiermark im Jahr 1923 die fünfschlimmste Hyperinflation überhaupt: Die Preise brauchten gerade einmal 3,7 Tage, um sich zu verdoppeln.

Damals weitete die Reichsbank bereits während des Krieges die Geldmenge deutlich aus – zur Kriegsfinanzierung. Seit dem Jahr 1914 war die Mark nicht mehr durch Gold gedeckt gewesen. Das Reich war bei den eigenen Bürgern über Kriegsanleihen hochverschuldet. Dazu kamen hohe Reparationsschulden aus dem Versailler Vertrag.

EZB hat noch Spielraum

Gleichwohl uferte erst ab dem Jahr 1922 die Papiergeldschöpfung aus. Als Deutschland mit den Reparationszahlungen in Rückstand geriet, besetzten französische und belgische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet. Der deutsche Reichskanzler Wilhelm Cuno rief die Arbeiter daraufhin zum passiven Widerstand auf. Die Löhne der Arbeiter und Angestellten finanzierte die Reichsregierung über die Notenpresse. „Ganz ähnlich wie zu Zeiten von Corona“, stellt der Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit in einem Vortrag fest.

Laut dem Statistischen Reichsamt stieg der Geldumlauf im Jahr 1921 um 56 Prozent. Im darauffolgenden Jahr waren es bereits 840 Prozent – eine Steigerung um mehr als das Neunfache. Im Jahr 1923 eskalierte das Gelddrucken komplett: Der Geldumlauf stieg von rund 2 Billionen auf 497 Trillionen Papiermark. Zum Vergleich: Im Juli 1914 – dem Monat vor Kriegsbeginn – betrug der Geldumlauf noch 9 Milliarden Mark.

Betrachtet man das Wachstum der Euro-Geldmenge, wird rasch ersichtlich, dass die EZB viel mehr Geld schöpfen müsste, damit es zu einer Hyperinflation käme. Die konsolidierte Bilanz des EZB-Systems hat sich nicht verneunfacht, sondern seit Februar 2021 „bloß“ nahezu verdoppelt. Der Anstieg der Geldmenge M1 viel noch geringer aus: Kontoguthaben und Bargeldumlauf stiegen seit der Corona-Krise von 9,0 auf 11,2 Billionen Euro.

Gleichwohl: Für die fernere Zukunft ist auch eine Hyperinflation nicht unmöglich. Laut VWL-Professor Hanke können Investments in Edelmetalle, Immobilien und Aktien davor schützen. Kleinanlegern rät der VWL-Professor auch zu inflationsindexierten Anleihen.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

ANG
Vorsorge
Vorsorge Lindner - Kapitalmarktunion sollte Priorität neuer EU-Kommission sein
22.05.2024

Die künftige EU-Kommission sollte die Vollendung der Kapitalmarktunion in Europa zur Hauptaufgabe machen, fordert Bundesfinanzminister...

ANG
Vorsorge
Vorsorge Chefin der „Wirtschaftsweisen“ fordert Politik zu Rentenreform auf
21.05.2024

Die Politik streitet derzeit vor allem über die Rente mit 63. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats sieht einen breiten Konsens als...

ANG
Immobilien
Immobilien EZB - Banken können Spannungen im Wohnimmobilienmarkt meistern
21.05.2024

Die Banken im Euroraum bewältigen laut EZB die aktuellen Anspannungen auf dem Wohnimmobilienmarkt gut. Eine Prüfung der Hypothekenbücher...

ANG
Börse
Börse Dax: Anleger schielen auf Marke von 19.000
21.05.2024

In der neuen Woche bleibt die Marke von 19.000 Punkten im Dax im Fokus. Trotz jüngsten Rückenwinds schloss der Dax am Freitag bei...

ANG
Vorsorge
Vorsorge BDA-Chef Dulger - Rente mit 63 verschärft Fachkräftemangel
16.05.2024

Die Debatte um die Rente mit 63 gewinnt an Schärfe, während Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger vor den drohenden Folgen warnt. Mit dem...

ANG
Geldanlage
Geldanlage So erzielen Sie steuerfreie Kursgewinne!
16.05.2024

Deutsche Anleger bevorzugen häufig Steuersparmodelle wie „Geschlossenen Fonds“. Jedoch führen deren Bilanzen oft zu erheblichen...

ANG
Vorsorge
Vorsorge Lindner im Haushaltsstreit - „Die Party ist vorbei“
14.05.2024

Im Zentrum des Haushaltsstreits der Bundesregierung stehen Forderungen der FDP nach finanzieller Zurückhaltung. Christian Lindner betont,...

ANG
Börse
Börse Europas Börsen nach Daten und Bilanzen stabiler
14.05.2024

Die aktuellen Konjunkturdaten, Hoffnungen auf Zinserhöhungen und solide Unternehmensbilanzen haben die Stimmung der Anleger in Europa...