Börse

Zinskurve: Warum sie gerade eine Rezession ankündigt und wie Anleger reagieren können

Lesezeit: 6 min
11.04.2022 19:05
Die Zinsen von zweijährigen US-Staatsanleihen sind derzeit höher als von zehnjährigen. Unter Ökonomen gilt das als Hinweis, dass eine Rezession bevorsteht.
Zinskurve: Warum sie gerade eine Rezession ankündigt und wie Anleger reagieren können
An den Zinsen für Staatsanleihen lässt sich der aktuelle Stand des Konjunkturzykluses ablesen. (Foto: iStock.com/photovs)
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Die Renditen von zweijährigen US-Staatsanleihen stiegen kürzlich über die Verzinsung von zehnjährigen. Für manche Beobachter ist das ein Warnzeichen, dass eine Korrektur an den Börsen und eine Wirtschaftsrezession kommt. Der Fed-Chef Jerome Powell beschwichtigte indes und sagte, zweijährige Staatsanleihen seien ein schlechter Vergleichsmaßstab für das kurze Ende der Zinskurve. Aussagekräftiger sei der Vergleich von zehnjährigen Staatsanleihen mit dreimonatigen oder 18-monatigen. Hier signalisiere der positive Zinsspread keine Rezession.

Was ist eine Zinskurve?

Laut Untersuchungen ist der Zinsspread zwischen zwei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen aber ein extrem zuverlässiger Konjunkturindikator. Die Zinskurve (auch Zinsstrukturkurve genannt) bildet die Renditen von festverzinslichen Wertpapieren zu verschiedenen Laufzeiten ab. In normalen Zeiten steigt die Zinskurve an. Kurzfristige Wertpapiere wie dreimonatige oder zweijährige Staatsanleihen sind dann geringer verzinst als zehnjährige oder dreißigjährige Staatsanleihen. Anleger wollen in normalen Zeiten einen umso höheren Zins, je länger sie ihr Geld verleihen. Der Zins ist nämlich eine Entschädigung für Konsumverzicht.

Vor einer Rezession dreht sich eine Zinskurve aber meistens – sie fällt also oder wird „invers“. Die Renditen von kurzlaufenden Staatsanleihen sind dann höher als von langlaufenden. Laut der Federal Reserve Bank San Francisco ist der Zinsunterschied zwischen zwei- und zehnjährigen Staatsanleihen ein extrem zuverlässiger Konjunkturindikator. „Eine einfache Faustregel, die eine Rezession innerhalb von zwei Jahren vorhersagt, wenn der Zinsspread negativ ist, hat alle neun Rezessionen seit 1955 korrekt signalisiert“, schreibt die Fed. Bloß ein falsches Signal habe es Mitte der Sechzigerjahre gegeben, als auf eine Inversion eine konjunkturelle Verlangsamung aber keine Rezession gefolgt sei. Laut der Fed lagen zwischen Inversion und Beginn der Rezession 6 bis 24 Monate. Die Finanzberatung Commonwealth Financial Network hat sich die Zinskurve von US-Staatsanleihen seit dem Jahr 1900 angeschaut und insgesamt 28 Inversionen ausgemacht. In 22 Fällen folgte eine Rezession, schreibt die Analystin Anu Gaggar auf der Internetseite des Unternehmens. Im Schnitt brauchte es 22 Monate nach der Inversion, bis die Rezession einsetzte.

Warum ist die Zinskurve so zuverlässig?

Die Zinskurve spiegelt die Zentralbankpolitik wider. Die Notenbanken beeinflussen mit ihrer Geldpolitikvor allem die kurzfristigen Zinsen. Weiten sie die Geldmenge aus und senken den Leitzins, drückt das die Zinsen am sogenannten „kurzen Ende der Zinskurve“. Erhöhen sie den Leitzins und bremsen oder beenden das Geldmengenwachstum, erhöht das die Zinsen am kurzen Ende der Zinskurve. Die Zentralbank verursache mit einer Zinserhöhung die Rezession, erklärt der US-Ökonom Robert Murphy in einem Fachartikel. Das zeige die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, von der Murphy ein Anhänger ist. Wenn die Geldmenge stark wachse, befinde man sich in einer Boomphase und die Zinskurve verlaufe normal. „Wenn sich das Wachstum der Geldmenge verlangsamt, flacht die Zinskurve ab oder kehrt sich sogar um“, erklärt Murphy. „Es ist nicht verwunderlich, dass wenn die Banken bei der Geldschöpfung ,auf die Bremse treten‘, die Wirtschaft bald in eine Rezession gerät.“ Murphy stützt sich auch auf historische Daten, laut denen sich das Geldmengenwachstum und die Zinskurve seit den Sechzigerjahren fast identisch entwickelten.

Laut der Österreichischen Konjunkturtheorie führt die ungedeckte Geldschöpfung und der künstlich gesenkte Leitzins zu einer verzerrten Produktionsstruktur der Volkswirtschaft. Das neu geschöpfte Geld fließt über die Zentralbanken an die Geschäftsbanken, die die Kredite wiederum an Unternehmen ausreichen. Diese beginnen Investitionsprojekte, die sich zu einem höheren Zins nicht rentiert hätten. Gleichzeitig konsumieren die Menschen mehr, weil der gesenkte Zins Sparen unattraktiver macht. Die ungedeckte Geldschöpfung endet in einer Rezession, falls die Zentralbank die Zinsen wieder erhöht oder die Geldmenge nicht immer rascher ausweitet. Die Wirtschaftskrise bereinigt dabei die vorherigen Fehlleitungen von wirtschaftlichen Ressourcen und Arbeitskräften. Verursacherin des Konjunkturzyklus ist aus Sicht der Österreichischen Schule die ungedeckte und zu lockere Geldschöpfung der Notenbank. Die Zinskurve spiegelt dabei bloß die fehlerhafte Geldpolitik der Zentralbank wider.

Was können Anleger tun?

Wer auf fallende Kurse und eine baldige Rezession setzen will, sollte vorsichtig sein. Market Timing – also das Kaufen zu geringen und das Verkaufen zu hohen Kursen – geht meistens schief. 80 bis 90 Prozent der Privatanleger und Fondsmanager schafft es nicht, über lange Zeiträume von zehn und noch mehr Jahren einen Vergleichsindex zu schlagen. Wer in einer Abwärtsbewegung oder kurz davor verkauft, schafft es häufig nicht rechtzeitig in den Markt zurück. Etwa erholte sich der Dax nach dem Start des Ukraine-Kriegs an einem Tag um acht Prozent. Wer an diesem Tag noch nicht investiert war, verpasste einen großen Teil der Aufwärtsbewegung. Das Marktforschungsunternehmen Morningstar fand heraus, dass US-Aktien zwischen 1926 und 2018 bloß in fünf Prozent aller Monate Cash outperformten. Wer also den richtigen Zeitpunkt zum Kauf und Verkauf treffen will, dem bleibt bloß ein kleines Zeitfenster.

Der Finanzexperte Sebastian Hell warnt vor Market Timing oder Absicherungsstrategien. Hieran dürften die meisten scheitern, sagt er. Wer dennoch auf fallende Kurse setzen wolle, solle am besten CFDs (Contracts for Difference oder Differenzkontrakte) oder Terminkontrakte (Futures) verwenden. „Diese Produkte sind meist fairer in der Preisstellung als Hebel-Zertifikate.“ Bei Short-ETFs sollten Anleger vorsichtig sein. Mit diesen lasse sich zwar kurzfristig sehr gut auf fallenden Kurse setzen. Wer diese Produkte auf längere Sicht halte, habe aber den Nachteil der Pfadabhängigkeit. Short-ETFs bilden die Entwicklung eines Index umgekehrt ab – büßt der Dax bei einem Stand von 10.000 Punkten 5 Prozent ein, steigt der Short-ETF um 5 Prozent. „Erholt sich am nächsten Tag der DAX wieder um 500 Punkte und notiert somit unverändert bei 10.000 Punkten, so ist der Short-ETF um 5,3 Prozent gefallen, da 500 Punkte relativ gesehen auf 9.500 Punkte ein Plus von 5,3 Prozent ausmachen“, erklärt Hell.

Wer nicht auf fallende Kurse spekulieren will, sollte sein Portfolio aus Einzelaktien oder ETFs in einer Krise liegen lassen. Anleger sollten Sparpläne unverändert weiterlaufen lassen. Wer mit einem baldigen Einbruch rechnet, kann seine monatliche Sparrate um ein paar Prozentpunkte erhöhen und das zusätzliche Geld investieren, sobald die Börsenkurse um einen gewissen Prozentsatz gefallen sind, beispielsweise um 20 Prozent. So kann er Aktien oder ETFs kaufen, wenn die Kurse relativ niedrig stehen. Ein weiteres Absicherungsinstrument können Gold oder Staatsanleihen sein. Diese beiden Anlagen sind vergleichsweise gering mit der Entwicklung der Aktienkurse korreliert. Fallen die Aktienkurse, dann stagnieren oder steigen meist die Preise von Gold und Anleihen.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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