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EZB: Wie die lockere Geldpolitik die Rente gefährdet

Lesezeit: 6 min
20.09.2021 13:34  Aktualisiert: 20.09.2021 13:34
Die staatliche Rente hat nicht nur ein Demografie-Problem. Niedrigzinsen und hohe Inflationsraten belasten zunehmend auch die gesetzliche Altersvorsorge. Dadurch geraten vor allem junge Menschen unter Druck; ein sozialer Aufstieg scheint unmöglich.
EZB: Wie die lockere Geldpolitik die Rente gefährdet
Die EZB sorgt mit ihrer Geldschwemme dafür, dass das Rentenproblem weiter verschärft wird. (Foto: iStock.com/urfinguss)
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Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen warnt bereits seit Jahren, dass die deutsche Rente durch eine alternde Bevölkerung gefährdet ist. „Heute finanzieren 100 Beitragszahler 51 Rentner. Im Jahre 2033 werden sie für 68 Rentner aufkommen müssen“, erklärte der VWL-Professor kürzlich gegenüber dem Onlinemedium Procontra. Der schrumpfende Anteil der Erwerbstätigen und die höhere Lebenserwartung seien die Hauptgründe, weshalb die staatliche Rente unter Druck gerate, sagt Raffelhüschen.

Sozialer Aufstieg unmöglich

Indes dürfte die ultralockere Geldpolitik der EZB das Rentenproblem weiter verschärfen. Denn die Notenpresse wirkt indirekt auch auf die Geburtenraten, erklärt der VWL-Professor Gunther Schnabl in einem Fachaufsatz. Die lockere Geldpolitik ermögliche es Unternehmen, sich günstiger am Kapitalmarkt zu finanzieren. Das würde den Druck von den Firmen nehmen, die Produktion effizienter zu gestalten und Innovationen einzuführen. Und das wiederum sorge für sinkende Löhne. Laut Schnabl sind seit den Neunzigern die Produktivitätsgewinne von 3 auf unter 1 Prozent pro Jahr gefallen, wobei Produktivität das erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt pro geleisteter Arbeitsstunde meint. „Da die Produktivitätsgewinne heute gleich null sind, ist der Spielraum für Lohnerhöhungen und den weiteren Ausbau der sozialen Sicherung verloren gegangen“, erklärt Schnabl.

Die Folge: Vor allem die Löhne und Rentenansprüche von jungen Menschen geraten unter Druck. „Für die Älteren bleiben trotz der schleichenden Krise das Lohnniveau hoch und die Arbeitsplätze sicher“, erklärt Schnabl. „Für die, die neu oder wieder in das Arbeitsleben eintreten, wird abgespeckt.“ Prekäre Arbeitsverhältnisse nähmen besonders unter den Jungen zu, Praktika und Zeitarbeit hätten Hochkonjunktur. Dabei zeige die Forschung, dass Junge ihren Kindern den gleichen Lebensstandard bieten wollten, den sie von ihren Eltern erfahren hätten. Doch die gesunkenen Reallöhne und die hohen Immobilienpreise, die beide auch auf die lockere Geldpolitik zurückzuführen seien, verunmöglichten den sozialen Aufstieg.

Japans „Parasitensingles“

Laut Schnabl wirkt das auf die Geburtenrate. „Junge Paare aus der Mittelschicht passen sich an, indem beide arbeiten, sie die Familienplanung nach hinten verschieben, die Anzahl der Kinder reduzieren oder die Familienplanung ganz aussetzen“, sagt er. Letztendlich sei der Prozess ein Teufelskreis, weil niedrigere Geburtenraten wiederum staatlichen Sozialsysteme wie die Rente unter Druck brächten. Besonders eindrucksvoll zeigten sich die Folgen der Notenpresse in Japan, erklärt Schnabl. Dort verfolgt die Zentralbank bereits viel länger als in Europa und den USA eine ultralockere Geldpolitik. Viele junge Japaner ziehen sich aus dem Heiratsmarkt zurück – aus Angst, die materiellen Erwartungen der Frauen nicht befriedigen zu können. „Sie bleiben – von der Gesellschaft gebrandmarkt – als sogenannte ,Parasitensingles‘ bei den Eltern zurück“, erklärt der Professor, der das Leipziger Institut für Wirtschaftspolitik leitet.

Indes bringt auch die Inflation die Renten unter Druck. Etwa stieg in diesem Jahr die Rente um 0,72 Prozent im Osten und blieb im Westen sogar konstant. Die Inflationsrate lag dagegen zuletzt bei 3,9 Prozent. Alte Menschen im Ruhestand konnten sich also weniger von ihrer Rente leisten. Der Grund für die geringen Rentenanstiege ist, dass die Rente an die Löhne gekoppelt ist. In der Corona-Krise sei aber das durchschnittliche Lohnniveau gefallen, teilte die Deutsche Rentenversicherung mit. Einzig die Rentengarantie, die der damalige Arbeitsminister Olaf Scholz kurz vor der Bundestagswahl 2009 auf den Weg brachte, verhinderte ein Absinken der Rente im Westen. Im Osten griff die „Rentenangleichung Ost“, erklärte die Deutsche Rentenversicherung.

Zweifel an offiziellen Zahlen

Auf längere Sicht ist die Rente aber kräftiger gestiegen als die Inflation – zumindest, wenn man die offizielle Inflationsrate zu Grunde legt. In den zwanzig Jahren seit 2000 stieg die Nettorente vor Steuern im Schnitt um 43 Prozent – von 691 auf 989 Euro. Pro Jahr sind das ungefähr 1,8 Prozent, wie „Altersvorsorge neu gedacht“ aus Angaben der Deutschen Rentenversicherung berechnet hat. Dagegen stieg der Harmonisierte Verbraucherpreisindex zwischen 1999 und 2019 um 1,49 Prozent pro Jahr. Kritische Volkswirte wie Gunther Schnabl zweifeln aber an den offiziellen Teuerungsraten. Die wahre Inflation könnte deutlich über der offiziellen liegen, sagen sie. Etwa schlägt Schnabl in einem weiteren Fachaufsatz einen alternativen Preisindex vor, der auch Wohnimmobilienpreise, Aktienkurse und die Steuerlast berücksichtigt. Schnabls Begründung: Steuern seien der Preis für öffentliche Güter wie Bildung und Gesundheit, Wohnimmobilienpreise spiegelten die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum wider und Aktien seien Investitionen in zukünftigen Konsum. Laut dem alternativen Index sind die Preise in Deutschland um knapp 2,6 Prozent seit dem Jahr 1999 gestiegen – deutlich mehr als die durchschnittliche Rentenerhöhung von 1,8 Prozent.

Rentenkassen zahlen Negativzinsen

Dazu kommen Niedrigzinsen, die die Rentenkassen belasten. Die Deutsche Rentenversicherung hielt Ende 2020 Liquiditätsreserven von über 35 Milliarden Euro, auf die Bankzinsen anfallen. Weil die niedrigen Zinsvorgaben der EZB aber auch Bankzinsen ins Negative drücken, müssen die Rentenkassen rund 355 Millionen Euro an Negativzinsen zwischen 2017 und 2022 bezahlen. Zwar sei das ein winziger Promilleanteil der gesamten Rentenausgaben in dem Zeitraum, wie mehrere Medien berichteten. Aber es sei „schmerzlich viel“ angesichts der Tatsache, dass der Staat die Rentenkassen mit über 100 Milliarden Euro pro Jahr subventioniere. 355 Millionen Euro entsprechen knapp 600.000 durchschnittlichen Monatsrenten, die der Staat im Jahr 2020 ausgezahlt hat.

Bernd Raffelhüschen rät denn auch zur privaten Absicherung. „Nicht alle Eier in einen Korb legen. Das heißt: Ein Portfolio aus Aktien, Anleihen und Immobilien“, empfiehlt der Freiburger Volkswirt und fügt hinzu: „Dann ratierlich sparen, während der Erwerbsphase langsam Vermögen aufbauen und als Rentner langsam aufbrauchen.“ Wer nicht vorsorge, stehe im Alter schlecht dar. Das gelte derzeit für etwa ein Viertel der Bevölkerung.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und hat Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Madrid studiert.


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