Geldanlage

Russischer Goldstandard: Was das für Anleger bedeuten würde

Lesezeit: 6 min
04.04.2022 14:51  Aktualisiert: 04.04.2022 14:51
Immer wieder vermuten Beobachter, dass Russland den Rubel mit Gold decken könnte. Ist das realistisch – und welche Folgen hätte das für Goldanleger?
Russischer Goldstandard: Was das für Anleger bedeuten würde
Wie wahrscheinlich ist ein goldgedeckter Rubel? (Foto: iStock.com/Vadzim Kushniarou)
Foto: Vadzim Kushniarou

Die Ereignisse beim russischen Gold überschlugen sich zuletzt. Das russische Finanzministerium sprach sich etwa dafür aus, die Mehrwertsteurer von 20 Prozent auf Goldkäufe abzuschaffen. Die Notenbank des Landes verkündete sogar, Gold zu einem Festpreis von Geschäftsbanken kaufen zu wollen. Steckt dahinter die Absicht, einen Goldstandard einzuführen?

Was spricht für einen russischen Goldstandard?

Russland setzt bereits seit Jahren auf Gold. Seit 2007 kauft die Notenbank im Schnitt knapp 130 Tonnen pro Jahr. Bis Ende 2021 stiegen die Reserven nach offiziellen Angaben auf knapp 2300 Tonnen. Mit diesem Gold könnte Russland die Rubel-Geldmenge M2 zu rund 20 Prozent decken. Zum Vergleich: Die 8134 Tonnen, die in den Tresoren der Federal Reserve lagern sollen, reichen gerade einmal für eine Deckung von 2 Prozent. China mit seiner Reserve von offiziell 1948 Tonnen könnte rund 0,4 Prozent der M2-Geldmenge decken.

Russland ist außerdem einer der Top-3-Goldförderer und die Staatsverschuldung ist relativ gering. Laut der Federal Reserve summierte sie sich Ende 2020 auf gerade einmal 19,3 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Der russische Staat ist also viel weniger auf Niedrigzinsen angewiesen, um den Zinsdienst für seine Staatsschulden zu leisten, als viele westliche Länder.

Warum kauft die russische Notenbank Gold zum Festpreis?

Die Bank Rossii kauft Gold zu einem Festpreis von 5000 Rubel pro Gramm von Geschäftsbanken. Das gelte vom 28. März bis zum 30. Juni, teilte die Notenbank mit. Danach könne der Preis „unter Berücksichtigung des sich abzeichnenden Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage auf dem Inlandsmarkt” angepasst werden, schreiben die Notenbanker weiter und begründen den Schritt folgendermaßen: „Das festgelegte Preisniveau ermöglicht die Aufrechterhaltung eines stabilen Goldangebots und ein reibungsloses Funktionieren der Goldbergbaubranche im laufenden Jahr.“

Hintergrund könnte sein, dass Russland die Goldförderung weiter hoch halten möchte. In den Jahren 2019 und 2020 hat Russland mehr als 100 Tonnen Gold exportiert. Im Jahr 2020 ging davon fast alles an europäische Länder. Derzeit steht russisches Gold aber auf der Sanktionsliste des Westens. Auf dem Markt dürfte es darum mit Preisabschlag gehandelt werden. Etwa lag der Preis für russisches Öl Anfang April knapp 30 Prozent unter dem Preis der US-Ölsorte Brent, wie das Marktforschungsunternehmen Neste berichtet. Der Festpreis ist eine Art Subvention für russische Minenbetreiber, die mit einem Mindestpreis nahe des Weltmarktpreises rechnen können und deswegen die Produktion nicht einschränken müssen.

Gleichzeitig kann die russische Zentralbank ihr Eigenkapital aufstocken, solange der Festpreis unter dem Weltmarktpreis liegt und sie das Gold nach Marktpreisen bilanziert. Das könnte wiederum das Vertrauen in den Rubel stärken und tendenziell zu einer Aufwertung führen. Ende März habe der Festpreis leicht unter dem Weltmarktpreis gelegen, erklärt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel. „Die russische Zentralbank würde (bei Marktpreisbilanzierung) dadurch leichte (kaum nennenswerte) Buchgewinne realisieren, die ihr Eigenkapital stärken.”

Der Finanzexperte Sebastian Hell sieht in dem Schritt eine raffinierte Devisenmarkt-Operation. Die Zentralbank sende ein Signal an Rubel-Halter, dass sie den Rubel als unterbewertet erachte. Denn Ende März habe der Festpreis unter dem Weltmarktpreis für Gold gelegen. Würde der Rubel aufwerten, würde sich der Festpreis dem Weltmarktpreis annähern. „Das hat die Signalfunktion, dass Leute, die den Rubel haben, sagen: ,Wenn die russische Zentralbank den Rubel als unterbewertet ansieht, behalten wir unsere Rubel und werfen diese nicht auf den Markt.‘“ Das verknappe das Rubel-Angebot und stabilisiere den Wechselkurs – wer Rubel haben wolle, müsse den Rubelkurs nach oben bieten.

Handelt es sich um einen Goldstandard?

Thorsten Polleit sagt indes klar, dass die Pläne keine „Rückkehr zum Goldstandard“ darstellten. „Der Rubel ist nicht in physisches Gold bei der russischen Zentralbank einlösbar und ich kenne – Stand Ende März – auch keine Pläne, die das anstreben würden.“ Er habe Zweifel daran, dass die russische Regierung ein Interesse an einem Goldstandard habe. „Der Absturz des Rubels ist, Stand heute, fast wieder aufgeholt. Anfang Februar 2022 stand er bei 76 US-Dollar pro Rubel, heute steht er bei 87 US-Dollar pro Rubel nach fast 140 US-Dollar pro Rubel am 10. März 2022“, sagt Polleit.

Der Chefökonom des Goldhändlers Degussa rechnet vielmehr damit, dass die Russen ihre Euro- und Dollarbestände verkaufen, sobald sie Zugriff auf die Währungsreserven haben. Dann würden die Russen „rein in den chinesischen Yuan und in Sachwerte“ gehen, schätzt Polleit.

Gegen einen Goldstandard spricht zudem der Krieg in der Ukraine. Staaten schufen die Golddeckung der Währung meist ab, um Kriege über die Notenpresse zu finanzieren. So lassen sich die Kriegskosten leichter vor der Bevölkerung verschleiern. Bei einem goldgedeckten Rubel könnte Russland bloß noch über Steuererhöhungen den Krieg finanzieren, der laut dem Schweizer Militärökonomen Marcus Keupp zwischen 300 Millionen und einer Milliarde US-Dollar pro Tag kostet. Russland hat ein Interesse daran, finanzpolitisch flexibel zu bleiben und im Falle einer Eskalation auf die Notenpresse zurückgreifen zu können.

Außerdem profitieren gerade reiche Menschen, Großbanken, Konzerne und der Staat von der ungedeckten Geldschöpfung. Sie erhalten das frische Kreditgeld zuerst und geben es aus, solange die Preise noch relativ gering sind. Kleine Unternehmen und „normale“ Bürger stehen am Ende der Futterkette. Sie bekommen üblicherweise auch seltener einen Kredit, weil sie weniger Sicherheiten vorweisen können. Die Profiteure der Fiatgeldschöpfung haben wenig Interesse an einer goldgedeckten Währung und dürften einen viel größeren Einfluss auf die politischen Entscheider ausüben als die breite Masse.

Was wäre die Folge eines Goldstandards?

Goldbesitzer könnten von einer Goldwährung profitieren. „Wenn ein Land tatsächlich einen Goldstandard errichtet, und wenn der gut funktioniert, wird sich vermutlich die Erwartung einstellen, dass es Nachahmer geben wird“, schätzt Thorsten Polleit. „Das wiederum könnte das Interesse an Gold beflügeln und dem Goldpreis tendenziell Auftrieb geben.“ Letztendlich sei aber unklar, wie der Preiseffekt ausfallen werde, sagt er.

Würde Russland den Goldstandard einführen, wäre die anfängliche Wirkung auf den Goldpreis vermutlich eher gering. Die russische Wirtschaft ist etwa so groß wie die italienische und die russischen Goldreserven betragen bloß circa ein Prozent des gesamten Goldbestands. Der Ökonom Jesús Huerta de Soto schätzte etwa im Jahr 1997 in seinem Buch „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen“, dass sich der Goldpreis bei einer großen Volkswirtschaft wie der USA bei einer Volldeckung aller Bargeld- und Sichtguthaben verzwanzigfachen würde.

Vermutlich würde der Rubel aufwerten, wenn die russische Zentralbank glaubhaft versichert, dass sie bloß vollgedeckte Rubel ausgibt und kein ungedecktes Geld schöpft. Dies könnte sie durch eine Einlösepflicht erreichen: Jeder könnte dann seine Rubel gegen Goldbarren in den Filialen der Notenbank umtauschen. Der goldgedeckte Rubel würde Investoren und Unternehmen aus dem Ausland anziehen – insbesondere, wenn Russland massiv Bürokratie abbaut und Steuern senkt. Auf längere Sicht würde das russische Preisniveau leicht fallen, während der Lebensstandard relativ kräftig steigt – wie etwa bereits unter der Goldmark im Deutschen Kaiserreich.

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Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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