Immobilien

„Böses Erwachen“ für viele Immobilieninteressenten

Lesezeit: 4 min
27.06.2022 16:36
Die Immobilienzinsen werden nach Einschätzung von Experten noch weiter steigen. Dabei haben sich die Kosten für die Finanzierung eines Eigenheims seit Jahresanfang bereits verdreifacht. Für viele rückt der Traum von den eigenen vier Wänden in immer weitere Ferne.
„Böses Erwachen“ für viele Immobilieninteressenten
„Stadt, Land, Frust“: Der Hauserwerb steht aufgrund steigender Zinsen deutlich erschwert. (Foto: iStock.com/BrianAJackson)
Foto: BrianAJackson

Der Baufinanzierungsvermittler Interhyp erwartet bis Jahresende einen weiteren Anstieg der Immobilienzinsen auf 3,5 bis 4 Prozent. Derzeit liegt der Durchschnittszins für zehnjährige Darlehen bei 3,1 Prozent, mehr als dreimal so hoch wie zu Jahresbeginn. Das berichtete Vorständin Mirjam Mohr am Mittwoch in München. Da gleichzeitig die Bau- und Immobilienpreise weiter gestiegen sind, können sich laut Interhyp viele Interessenten ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung nicht mehr leisten. „Dieses böse Erwachen, das spüren ganz viele Menschen in Deutschland.“

Im vergangenen Jahr habe es auf dem Wohnimmobilienmarkt „Torschlusspanik“ gegeben, sagte die Managerin bei der Vorstellung der neuen „Wohntraumstudie“ des Unternehmens. Dieses Jahr hätten viele Interessenten ein ganz anderes Gefühl: „Ich habe den Zug verpasst.“ Die Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen sei weiter hoch – aber zumindest einige Interessenten erhalten demnach wegen beschränkter finanzieller Mittel und zu hoher Kosten keine Finanzierungszusagen mehr. Für die Studie hatte Interhyp im Februar und März 2180 Menschen befragen lassen.

Nach einem Rechenbeispiel des Portals Check24 bedeutet ein effektiver Zins von drei Prozent, dass ein Darlehen von 400.000 Euro bis zum Ende der zehnjährigen Sollzinsbindung über 78.000 Euro mehr kostet als noch im Januar. Bei einem Zinssatz von vier Prozent wären es sogar über 114.000 Euro mehr, wie das Unternehmen mitteilte.

„Stadt, Land, Frust“

Eine Folge der sehr hohen Preise in den Städten ist laut Interhyp Stadtflucht – mit dem Effekt, dass die Preise im jeweiligen Umland Berlins, Frankfurts und Hamburgs im ersten Quartal noch sehr viel stärker gestiegen sind als in der eigentlichen Stadt. Als ein Beispiel nannte Mohr Berlin. Im Berliner Umland sind demnach im ersten Quartal die Preise um über 12 Prozent in die Höhe geschossen, in der Stadt dagegen um lediglich vier Prozent.

Viele Städter kaufen demnach aber eher gezwungenermaßen Haus oder Wohnung in ländlichem Umfeld und seien zunächst auch nicht sehr zufrieden. „Stadt, Land, Frust“, sagte Mohr dazu. Ursache seien Einschränkungen bei den drei Ks: soziale Kontakte, Kultur und Konsum. Laut Umfrage haderten immerhin 42 Prozent der Landimmobilien-Käufer mit ihrer Entscheidung.

Einen generellen, deutschlandweiten Preisrückgang bei Wohneigentum erwartet die Interhyp nicht. „Wir gehen davon aus, dass die Preise langsamer steigen werden“, sagte Mohr. In einigen Regionen könne es durchaus Preisrückgänge geben, aber nicht flächendeckend.

Hohe Nachfrage triff auf knappes Angebot

Häuser und Wohnungen in Deutschland haben sich das vierte Quartal in Folge tatsächlich um mehr als zehn Prozent verteuert. Allerdings scheint sich der Preisanstieg etwas zu verlangsamen. Im Zeitraum Januar bis März 2022 stiegen die Preise für Wohnimmobilien im Schnitt um 12,0 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt am Freitag anhand vorläufiger Zahlen mitteilte. Damit lag die Steigerungsrate binnen eines Jahres zum vierten Mal in Folge über zehn Prozent.

Gegenüber dem Vorquartal verteuerten sich Wohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäuser im Schnitt um 0,8 Prozent. „Damit deutet sich eine leichte Abschwächung der Dynamik an“, erklärte die Wiesbadener Behörde. Im dritten Vierteljahr 2021 waren die Preise für Wohnimmobilien noch um 4,1 Prozent und im vierten Quartal 2021 um 3,1 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorquartal gestiegen.

Die Nachfrage ist groß, das Angebot knapp. Der Trend zum Homeoffice in der Corona-Krise hat zudem das Interesse an Wohnraum auf dem Land angekurbelt. Angesichts steigender Bauzinsen, teurer Baustoffe und Lieferengpässe erwarten einige Experten nach mehr als zehn Jahren allerdings eine Abschwächung des Immobilienbooms in Deutschland.

***

Altersvorsorge-neu-gedacht.de ist eine Publikation von Bonnier Business Press Deutschland und ist Ratgeber zu den Themen Vorsorge und Geldanlage.

ANG
Geldanlage
Geldanlage Aktien waren gestern - hier kommen fünf unkonventionelle Geldanlagen

Nicht immer müssen profitable Investments nur an der Börse vorhanden sein.

ANG
Geldanlage
Geldanlage Private Equity: Der Rendite-Booster fürs Portfolio?

Investments in nicht-börsengelistete Firmen haftet etwas Exklusives an. Zudem versprechen die Fondsanbieter hohe Renditen. Ist da was dran?

ANG
Geldanlage
Geldanlage Sachwertefonds: Sicherer Inflationsschutz oder reine Renditebremsen?

Geld erfolgreich anzulegen wird immer schwieriger. Könnten Sachwertfonds die Lösung sein?

ANG
Börse
Börse Anleger sind der Rüstungsindustrie gegenüber weniger skeptisch

Galt es zuvor noch als verpönt, Geld in die Rüstungsbranche zu investieren, hat sich diese Sichtweise seit dem Ukraine-Krieg bei vielen...

ANG
Vorsorge
Vorsorge Vor- und Nachteile der betrieblichen Altersvorsorge im Überblick

Die betriebliche Altersvorsorge gilt als echter Corporate Benefit. Doch auch hier gibt es negative Aspekte.

ANG
Vorsorge
Vorsorge Kommt die Währungsreform – und wie schützen sich Anleger?

Der Euro steht unter gehörigem Druck. Was können Anleger tun, um sich gegen einen Euro-Kollaps abzusichern?

ANG
Börse
Börse Wie geht es eigentlich mit der Aktienrente weiter?

Die FDP hatte die Aktienrente zu einem großen Thema ihres Wahlkampfes gemacht. Viel geworden ist daraus bislang aber nicht.

ANG
Vorsorge
Vorsorge Energie – wo gibt es Einsparpotenziale?

Die Preise ziehen an, doch es kann etwas dagegen gemacht werden. Einsparungen sind die Lösung.