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Wie funktioniert unser Wirtschaftssystem?

Lesezeit: 6 min
22.11.2021 18:10  Aktualisiert: 22.11.2021 18:10
Das Wirtschaftssystem läuft wie eine Maschine. Doch viele Menschen verstehen seine Funktionsweise nicht. Die Folge sind unnötige Fehlentscheidungen.
Wie funktioniert unser Wirtschaftssystem?
Obwohl die Wirtschaft ein komplexes System ist, besteht sie im Wesentlichen aus Transaktionen, die sich ständig wiederholen. (Foto: iStock.com/vzwer)
Foto: vzwer

In dieser Serie erklären wir mit Hilfe der Investment-Legende Ray Dalio auf einfache Weise, wie die Wirtschaft funktioniert – und wie sie sich vor möglichen Gefahren schützen können. In unserem ersten Teil beleuchten wir Transaktionen, Märkte und Kredite.

Ray Dalio hat 1975 den Hedgefonds Bridgewater Associates mitbegründet. Der Fonds verwaltet derzeit etwa 154 Milliarden Dollar an Investorengeldern. Mit einem Privatvermögen von rund 20 Milliarden Dollar belegt Ray Dalio Platz 36 auf der Forbes-Liste. Dalio gilt als einer der einflussreichsten Investoren an der Wallstreet.

Über die Jahre hat sich Dalio den Ruf erarbeitet, wirtschaftliche Trends und Zyklen im Voraus zu erkennen. So erkannte er unter anderem die Finanzkrise von 2008 früher als andere Marktteilnehmer. Während in diesem Jahr die meisten Hedgefonds stark unter den Folgen der Krise litten, verzeichnete Flaggschiff-Fonds „Pure Alpha“ von Bridgewater Associates 9,5 Prozent Gewinn.

Wenn Dalio also über Wirtschaft spricht, hören auch Profis gebannt zu. Denn er verbindet tiefes Fachwissen mit einer Art und Weise, auch komplexe Sachverhalte einfach verständlich zu erklären. Seit einigen Jahren bemüht er sich unter anderem darum, wirtschaftliche Zusammenhänge einfach und für jedermann zugänglich zu erklären – in verschiedenen Büchern ebenso wie in Erklärvideos. Eines dieser Videos beschäftigt sich mit der Frage, wie die Wirtschaftsmaschine funktioniert.

Obwohl die Wirtschaft ein komplexes System ist, besteht sie aus einigen einfach verständlichen Teilen und aus Transaktionen, die sich ständig wiederholen. Diese Transaktionen laufen zwischen Teilnehmern des Wirtschaftssystems ab und schaffen drei Hauptantriebskräfte. Zusammen beschreiben diese Antriebskräfte den Konjunkturzyklus einer Wirtschaft. Wenn man sie versteht, hat man schon einen guten Leitfaden, an dem man sich orientieren kann.

Transaktionen und Märkte als Zahnräder der Wirtschaft

Eine Wirtschaft besteht aus der Summe ihrer Transaktionen. Diese Transaktionen setzen immer mindestens zwei Teilnehmer voraus, einen Käufer und einen Verkäufer. Der Käufer erwirbt eine Ware oder eine Dienstleistung vom Verkäufer. Das Wirtschaftssystem ist voll von diesen Transaktionen und jeder von uns hat schon einmal an einer solchen Transaktion teilgenommen. Egal, ob Sie morgens beim Bäcker ein Brötchen kaufen, sich beim Friseur die Haare schneiden lassen oder ein Finanzprodukt von ihrem Anlageberater erwerben: immer handelt es sich dabei um eine Transaktion.

Transaktionen sind der wichtigste Baustein der Wirtschaftsmaschine. Sie können sowohl zwischen einzelnen Menschen als auch zwischen Banken, Unternehmen und sogar Regierungen ablaufen. Bargeld bzw. Kredit einerseits und die Ware bzw. Dienstleistung anderseits wechseln dabei den Besitzer. Kredite sind geliehenes Geld, die in der Regel nur als Form von Buchgeld bestehen. Nimmt alle Kreditausgaben und Bargeldausgaben einer Wirtschaft zusammen, erhält man die Gesamtausgaben. Sie sind ein wichtiger Treiber der Wirtschaft.

Der nächstgrößere Baustein sind Märkte. Märkte umfassen im Endeffekt einfach alle Käufer und Verkäufer, die für dieselben Dinge (Immobilien, Finanzprodukte, Autos, etc.) Transaktionen durchführen. Die Wirtschaftsmaschine besteht also aus all diesen verschiedenen Märkten, die wiederum aus vielen einzelnen Transaktionen bestehen. Die beiden wichtigsten Kennzahlen, die daraus hervorgehen, sind die Summe des gesamten Konsums (also alle Ausgaben der Käufer) und die Summe aller abgesetzten Waren und Dienstleistungen (also alle Umsätze der Verkäufer). Von diesen beiden Kennzahlen kann man schon sehr gute Rückschlüsse auf den Zustand der Wirtschaft schließen.

Der größte Käufer und Verkäufer in der Wirtschaft ist der Staat. Er besteht aus zwei wichtigen Teilen: der Regierung, die Steuern erhebt und Ausgaben tätigt, und der Zentralbank. Die Zentralbank unterscheidet sich dahingehend von anderen Marktteilnehmern, da sie die Geldmenge steuert. Sie kann die Zinssätze beeinflussen und neues Geld erschaffen. Damit hat die Zentralbank einen entscheidenden Einfluss auf den laut Dalio wichtigsten Teil der Wirtschaft: den Kredit.

Kredite als Kernstück der Wirtschaft

Die Zentralbank kann über den Leitzins die Kreditmenge einer Wirtschaft steuern. Wenn sie den Leitzins anhebt, heben auch Geschäftsbanken ihre Zinsen für Kredite an. Dadurch leihen sich Privatpersonen, abgeschreckt von hohen Zinskosten, weniger Geld. Umgekehrt steigt die Nachfrage nach Krediten, wenn die Zinsen niedrig sind und mit ihnen die Kosten für geliehenes Geld.

Kredite sind deshalb so ein entscheidender Faktor für die Wirtschaft, weil sie den Großteil der Geldmenge ausmachen und zugleich so anfällig für Schwankungen sind. Mit Hilfe von Krediten lässt sich Konsum finanzieren oder ein Unternehmen gründen, wozu dem Kreditnehmer im Augenblick allerdings die finanziellen Mittel fehlen. Er leiht sich dazu das Geld von einer Bank und verspricht im Gegenzug, das Geld in Zukunft plus Zinsen zurückzuzahlen.

In dem Moment, in dem sich Kreditgeber und Kreditnehmer über die Konditionen einig sind, beginnt die Transaktion. Für den Kreditgeber stellt das verliehene Geld einen Kredit und damit einen Vermögenswert in seinen Büchern dar. Für den Kreditnehmer dagegen entsteht eine Schuld, die als Verbindlichkeit in seinen Büchern auftaucht. Sobald das geschuldete Geld zurückgezahlt wird, verschwinden Kredit und Schuld wieder und die Transaktion ist abgeschlossen.

Warum ist Kredit nun so wichtig für die Wirtschaft? Weil durch Kredite die Gesamtausgaben erhöht werden und – wie wir zuvor gelernt haben – die Gesamtausgaben eine wesentliche Antriebskraft für die Wirtschaft sind. Denn jeder ausgegebene Euro ist das Einkommen eines anderen. Und jeder eingenommene Euro ist die Ausgabe eines anderen. Sobald das Einkommen einer Person steigt, steigt auch seine Kreditwürdigkeit. Eine hohe Kreditwürdigkeit erleichtert es Menschen, einen Kredit bei einer Bank aufzunehmen.

Um leichter an Kredit zu kommen, benötigen Kreditnehmer vor allem zwei Eigenschaften: Rückzahlungsfähigkeit und Sicherheiten. Ein hohes Einkommen signalisiert einer Bank eine hohe Rückzahlungsfähigkeit. Wer kein hohes Einkommen hat, muss in der Regel wertvolle Sicherheiten bei der Bank hinterlegen wie Immobilien oder Wertpapiere, die die Bank erhält, sollte der Kreditnehmer seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können.

Produktivität als langfristiger Antrieb der Wirtschaft

Durch Kredite entsteht ein sich selbst verstärkendes System: Mehr Kredite führen zu mehr Ausgaben. Mehr Ausgaben erhöhen die Einkommen einiger Marktteilnehmer. Das wiederum führt zu stärkerer Kreditaufnahme, was wiederum die Ausgaben erhöht, und so weiter. Durch diesen Effekt entsteht Wirtschaftswachstum und er sorgt auch dafür, dass die Wirtschaft in Zyklen funktioniert.

Die Wirtschaft wächst unter anderem durch eine erhöhte Produktivität. Kreative Menschen, wie Erfinder und Unternehmer, haben in der Vergangenheit immer wieder zur Produktivität der Wirtschaft beigetragen, indem sie neue Verfahren oder Produkte entwickelt haben. Durch diese neuen Verfahren oder Produkte wurde der Lebensstandard für alle erhöht. Denken Sie beispielsweise an die Erfindung der Dampfmaschine, die Entdeckung des Penicillins (als Grundlage für Antibiotika) oder die Entwicklung des Computers.

All diese Erfindungen haben zum Wachstum der Wirtschaft und zur Erhöhung des Lebensstandards beigetragen. Sie haben alte, ineffizientere Verfahren verdrängt. Doch Produktivität ist ein eher geradliniger und langfristiger Prozess. Neue, bahnbrechende Erfindungen werden nicht jedes Jahr gemacht. Deshalb spielen Kredite kurzfristig eine größere Rolle beim Wirtschaftswachstum. Schulden erlauben es, mehr zu konsumieren, als man produziert. Im Gegenzug zwingen sie aber auch dazu in der Rückzahlungsphase, weniger zu konsumieren, als man produziert, um die Schulden zu tilgen. Dadurch entstehen sogenannte Schuldenzyklen. Im zweiten Teil dieser Reihe werden wir uns mit diesen Schuldenzyklen näher beschäftigen.

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André Jasch arbeitet als freier Journalist und hat International Business in Berlin studiert.

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