Geldanlage

Schwacher Goldpreis: „Der Hauptgrund sind Preisdrückungen“

Lesezeit: 7 min
18.07.2022 07:00
Der Goldpreis kommt trotz geopolitischer Krisen, Bärenmarkt und Inflation nicht richtig in Fahrt. Stecken womöglich Preismanipulationen dahinter?
Schwacher Goldpreis: „Der Hauptgrund sind Preisdrückungen“
Die US-Notenbank Fed weiß: Ein steigender Goldpreis schwächt den US-Dollar. (Foto: iStock.com/claffra).
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Seit Jahresbeginn ist der Goldpreis auf Eurobasis zwar um +6 Prozent gestiegen, doch im US-Dollar fiel der Kurs um -5 Prozent bis Mitte Juli. Und das trotz Börsensturz, Crypto-Crash, Inflation und dem Ukraine-Krieg. Experten führen das nicht bloß auf den starken US-Dollar und die straffere Geldpolitik der FED zurück, die verzinste Geldanlagen wieder attraktiver macht.

„Die straffere Geldpolitik spielt nur eine untergeordnete Rolle, der Hauptgrund sind Goldpreisdrückungen“, sagt etwa der Marktanalyst Dimitri Speck, Autor des Buches „Geheime Goldpolitik” und Betreiber der Datenplattform seasonax.com. Um die Inflation wirksam zu bekämpfen, müssten die Zinsen über das Teuerungsniveau von derzeit über 8 Prozent angehoben werden, erklärt Speck.

Davon sei das aktuelle Zinsniveau von unter 2 Prozent aber weit entfernt, denn eine Zinsanhebung würde aufgrund der hohen Schulden zu einer schweren Rezession führen. „Durch die Drückung des Preises von Gold, dem traditionellen Gegenspieler der ungedeckten Währungen, wird hingegen die Inflationserwartung gesenkt und die Inflation so indirekt bekämpft“, sagt Speck.

Wird der Goldpreis manipuliert?

Stimmen aus der Gold-Anlegergemeinschaft weisen bereits seit vielen Jahren auf die Preismanipulationen hin. „Das erfolgt maßgeblich über die Terminmärkte“, erklärte etwa der Fondsmanager Mark Valek, der die Goldstudie „In Gold We Trust“ herausgibt, gegenüber dem Focus. „Dort werden immer wieder plötzlich Goldderivate in einem auffallend großen Umfang verkauft – der Preis wird also regelrecht runtergeprügelt.“

Erst Anfang Juli wies ein ausgewiesener Goldkenner auf die Manipulationen hin. Peter Hambro, der Gründer des britisch-russischen Goldminenunternehmens Petropavlovsk, bemerkte in einem Online-Artikel: „Desinformation hat viele Jahre lang den Deckel auf dieses Pulverfass gehalten.“ Hambro ist nicht irgendwer: Er arbeitete über 40 Jahre in der Goldbranche und war unter anderem stellvertretender Geschäftsführer bei Mocatta & Goldsmid, vormals eine der wichtigsten Bullionbanken der Welt. Bereits Hambros Vater war ein Direktor bei der Bullionbank Samuel Montagu.

Dimitri Speck verweist etwa auf eine Episode am 9. August 2021, als der Goldpreis innerhalb kürzester Zeit um 100 US-Dollar einbrach. Auch die französische Großbank BNP Paribas berichtete auf ihrer Internetseite über den Preissturz. Auslöser war laut BNP eine Verkaufsorder im Umfang von 4 Milliarden US-Dollar an einem Montagmorgen. Das sei schon per se ein ungewöhnlich hoher Betrag für den Goldmarkt, aber der Zeitpunkt an einem Montagmorgen habe die preisdämpfende Wirkung noch verstärkt, erklärte BNP.

Montagmorgens seien die Orderbücher ohnehin ausgedünnt, und der 9. August sei ein Feiertag in Japan und Singapur gewesen. Menschliches Versagen, etwa dass sich ein Händler vertippt habe, sei „nahezu ausgeschlossen“. Ein solcher „fat finger trade“ mache üblicherweise schnell am Markt die Runde, bemerkte BNP.

Der Kurseinbruch geschah zu einer Zeit, als die Inflationsraten wieder einmal über den Erwartungen gelegen hätten, sagt Dimitri Speck. „Kein erfahrener Händler verkauft eine so große Position auf fast einen Schlag, wenn kein Volumen da ist, denn dann bekommt er schlechte Ausführungskurse. Wer aber den Kurs manipulieren möchte, der handelt so.“

In seinem Buch „Geheime Goldpolitik“ hat Speck die Manipulationen statistisch untersucht. Demnach fiel der durchschnittliche Tagespreis des Goldes vom 5. August 1993 bis in die 2010er-Jahre immer morgens gegen 10 Uhr und nachmittags gegen 15 Uhr. „Der Preis tendiert im Durchschnitt dazu, zur Zeit des Londoner Morgen-Goldfixings und zum Schluss des New Yorker Terminmarktes zu sinken“, erklärte Speck. Beim Londoner Goldfixing setzen die fünf wichtigsten Großbanken zweimal täglich einen Goldpreis fest, der als Referenzpreis für Minen, Zentralbanken und andere Marktteilnehmer dient.

Warum wird der Goldpreis gedrückt?

Laut „Geheime Goldpolitik” begannen die systematischen Preisinterventionen am 5. August 1993 und dienten dazu, den Preis unter die psychologisch wichtige Marke von 400 US-Dollar zu drücken und die Inflation in Schach zu halten. Die Inflation lag damals in den USA bei +3 Prozent, während der Leitzins bei 3 Prozent lag und das Wirtschaftswachstum relativ gering war. Der Goldpreis war Anfang 1993 deutlich gestiegen - von 320 auf über 400 US-Dollar.

Das gefiel den FED-Bankern auf den Sitzungen des zinssetzenden Offenmarktausschusses nicht. Ein Mitglied befürchtete im Juli 1993, dass ein hoher Goldpreis das Vertrauen in den US-Dollar schwächen könnte. FED-Chef Alan Greenspan sprach im August 1993 darüber, dass die US-Notenbank Gold verkaufen könnte, um den Preis zu senken. Denn der Preis sei nicht bloß ein „Thermostat“, sondern könne die zugrunde liegende Psychologie des Marktes beeinflussen.

Laut dem Buch von Speck geht es bei den Preisinterventionen genau darum: Die Psychologie der Marktteilnehmer zu beeinflussen, indem ein Signal unterdrückt wird, dass die Inflation ansteigen könnte oder die Finanzmärkte in einer Krise sind. Ein geringer Goldpreis dämpfe nämlich die Inflationserwartungen, was die Inflation langsamer steigen lasse, schreibt Speck. Weniger Goldnachfrage erhöhe außerdem die Nachfrage nach US-Dollar und senke die langfristigen Zinsen, etwa von US-Staatsanleihen. Zudem würden andere Zentralbanken - die größten Nachfrager von Gold - weniger Gold kaufen und stattdessen ihre Dollarreserven aufstocken.

Wer steckt dahinter?

Laut Speck sind es die Handelsabteilungen von US-Großbanken, dem US-Schatzamt und der US-Notenbank. „Früher waren noch weitere Zentralbanken beteiligt”, sagt er. Einige Banken mussten denn auch schon Vergleichszahlungen entrichten. Etwa musste JPMorgan im Jahr 2020 rund 920 Millionen US-Dollar an den US-Staat bezahlen. Die Bank soll laut US-Justizministerium jahrelang bei Termingeschäften über Edelmetalle und Staatsanleihen betrogen haben.

Der Goldinsider Peter Hambro verweist auf die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. „Seit 2018 befolgen die Financial Stability Desks der Zentralbanken der Welt die Anweisung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Wahrnehmung der Inflation durch Manipulation des Goldmarktes zu verbergen“, vermutet er.

Die BIZ verringert immer wieder die Goldposition in der Bilanz, wenn der Goldpreis sinkt. Etwa verkaufte die Bank erst im Mai rund 36 der 830 Tonnen an Gold und/oder Goldforderungen, wie das Fachmedium Goldreporter berichtete. Der Preis sank im gleichen Zeitraum um -3,8 Prozent. Die BIZ sei einer der größten institutionellen Akteure am Goldmarkt, bemerkte Goldpreporter. Allerdings erkläre sie in ihren Rechnungsberichten nicht, warum sie regelmäßig so viel Gold verkaufe.

Gleichwohl fehlt für aktuelle Manipulationen der schlagende Beweis, wie auch der Goldminenunternehmer Frank Guistra beim Fachmedium Kitco zugibt. „Ich denke, wir werden Jahre im Nachhinein sehen, was die getan haben, aber sie werden keine rauchende Waffe hinterlassen.“ Auch die statistische Anomalie, die Speck im Tagesdurchschnittspreis des Goldes entdeckt hat, lässt sich seit Mitte der 2010er-Jahre nicht mehr beobachten.

Macht der Goldkauf also keinen Sinn?

Goldanleger sollten sich indes nicht verrückt machen lassen. „Die Währungen sind durch jahrzehntelange Schuldenmacherei und schlechte Politik weit mehr gefährdet als der Goldpreis“, sagt Speck. Die Hauptwährungen seien nicht mehr heilbar und die Inflation werde noch Jahre fortdauern. „Den Goldpreis wird in diesem Szenario niemand mehr aufhalten können.“

Der Goldpreis ist außerdem seit 6. August 1993 deutlich gestiegen. Er erhöhte sich um circa +5,3 Prozent pro Jahr. Gold ist also trotz der Manipulationen rascher als die Inflationsrate gestiegen. Der US-Verbraucherpreisindex kletterte nämlich von August 1993 bis Mai 2022 bloß um +3,7 Prozent pro Jahr. Anleger können die Preiseingriffe also sogar nutzen, um günstig nachzukaufen.

Goldminenunternehmer Frank Guistra glaubt indes nicht, dass die Interventionen dauerhaft von Erfolg gekrönt sein werden. „Sie können dieses Spiel nicht ewig aufrechterhalten. Noch nie hat es eine Manipulation gegeben, die ewig gedauert hat“, sagte der Kanadier gegenüber Kitco. „Irgendwann kommt alles ans Tageslicht. Ich denke, angesichts der Dynamik zwischen den USA, China, Russland und dem Rest der Welt, dass wir diese Eventualität vielleicht früher als erwartet sehen könnten.“

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Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und hat Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Madrid studiert.


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