Vorsorge

Rentenpunkte zum Schnäppchenpreis: Wann sich der Kauf lohnt

Lesezeit: 5 min
16.12.2022 17:10  Aktualisiert: 16.12.2022 17:10
Rentenpunkte sind im Jahr 2022 billiger geworden. Berufstätige können noch bis zum 31. März Rentenpunkte kaufen. Eine gute Idee?
Rentenpunkte zum Schnäppchenpreis: Wann sich der Kauf lohnt
Ein Rentenpunkt entspricht derzeit einer monatlichen Rente von 36,02 Euro. (Foto:iStock.com/dstaerk)
Foto: dstaerk

Angestellte und Selbstständige können mit Einmalzahlungen die gesetzliche Rente aufbessern. Das ist bis zum 31. März sogar günstiger als in den Vorjahren: Weil im Coronajahr 2020 das Lohnniveau gefallen ist, ist ein Rentenpunkt 6,3 Prozent billiger geworden. Ein Punkt kostet aktuell 7235 Euro – vor einem Jahr waren es noch 7736 Euro. Die monatliche Rente steigt pro gekauftem Punkt um 36,02 Euro.

Der Honorar-Finanzanlagenberater Stefan Kemmler betreut vorwiegend vermögende Anleger über 50 Jahre und rät – je nach individueller Situation – zum Kauf. „Das kann sich besonders bei Selbstständigen und Freiberuflern lohnen“, sagt er im ANG-Gespräch. Diese könnten sich im Vergleich zum Kapitalmarkt ein relativ sicheres Standbein mit der gesetzlichen Rente aufbauen. Außerdem erhielten gesetzlich Krankenversicherte bei Erfüllen der 9/10-Regelung die Option, im Rentenalter in die Krankenversicherung der Rentner einzutreten.

Auch der Freiburger VWL-Professor Bernd Raffelhüschen rät nicht grundsätzlich von einer Einmalzahlung ab. Auf ANG-Anfrage, ob er den Rentenpunkte-Kauf als attraktive Geldanlage erachte, erklärt er: „Das kann man so pauschal nicht sagen – kommt immer auf den Einzelfall drauf an.“ Raffelhüschen ist ein bekannter Kritiker der Rentenpolitik der vergangenen Jahrzehnte.

Relativ geringe Rendite

Sowohl Angestellte als auch Selbstständige können Rentenpunkte kaufen. Angestellte müssen mindestens 50 Jahre alt sein und bis zum Renteneintritt mindestens 35 Jahre eingezahlt haben. Mit einem Kauf kann man die Rente erhöhen oder Abschläge bei einem frühen Renteneintritt vermeiden.

Kemmler zufolge ist ein Kauf überhaupt bloß dann sinnvoll, wenn im Rentenalter keine oder kaum regelmäßige Einnahmen zu erwarten sind. „Anleger haben am Kapitalmarkt Chancen auf wesentlich höhere Renditen, aber auch damit einhergehende Risiken zu tragen“, erklärt der Kölner. Dafür sei die gesetzliche Rente relativ sicher und rentiere nach Aussage der gesetzlichen Rentenversicherung ein wenig über der Nachkriegsinflationsrate.

Die Deutsche Rentenversicherung schätzt die Rendite auf 2,9 Prozent für einen Mann, der im Jahr 2020 in Rente geht, und geht für die Jahre 2030 und 2040 von 2,8 beziehungsweise 2,9 Prozent aus. Bei Frauen liegt die Rendite etwas höher aufgrund der höheren Lebenserwartung – und zwar bei 3,5 Prozent im Jahr 2020 und 3,3 Prozent für den Renteneintritt in den Jahren 2030 beziehungsweise 2040.

Lebensdauer entscheidend

Die Renditen von Aktien-ETFs waren historisch gesehen deutlich höher: Etwa stieg der „MSCI World“-Index seit 1970 um rund 8 Prozent pro Jahr an (mit Dividenden und ohne Inflation). Anleger können zudem bei frühem Tod ETF-Anteile vererben oder diese im Notfall jederzeit verkaufen.

Ob sich die Einmalzahlung überhaupt rentiert, hängt von der Lebensdauer ab. Nimmt man an, dass die Rentenerhöhungen zukünftig weiter bloß die Inflation ausgleichen, dann bräuchte ein Rentner 16,7 Jahre, um in der Gewinnzone zu landen.

Die meisten Männer dürften das ganz knapp schaffen. Laut dem Statistischen Bundesamt lag die Lebenserwartung von 65-Jährigen im vergangenen Jahr bei 17,9 Jahren. Bei 65-jährigen Frauen lag sie bei 21,1 Jahren.

Politisches Risiko

Doch in den kommenden Jahren könnte sich das Bild drehen: Zwar soll die durchschnittliche Lebenserwartung weiter steigen, aber das Renteneintrittsalter erhöht sich ebenfalls. Jahrgänge ab 1964 gehen bereits mit 67 in Rente.

Einzahler unterliegen zudem einem politischen Risiko. „Die Finanzierung unseres Rentensystems steht vor dem Zusammenbruch“, warnte etwa erst kürzlich Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger. In den kommenden fünf Jahren würden die Kosten explodieren.

Bernd Raffelhüschen rechnet deswegen mit Konsequenzen. „Kürzungen des Rentenniveaus beziehungsweise längere Lebensarbeitszeiten wird es mit Sicherheit geben“, schreibt er auf ANG-Anfrage.

Steuerboni

Dem politischen Risiko gegenüber stehen wiederum Steuerersparnisse. Diese können laut Stiftung Warentest bis zu 40 Prozent der eingezahlten Summe ausmachen. Auch bei Angestellten sind laut den Berechnungen bis zu 30 Prozent drin.

Gleichzeitig müssten gesetzlich krankenversicherte Rentner Beiträge von circa 11 Prozent für Kranken- und Pflegeversicherung bezahlen, die von der Rente abgezogen würden. Zudem fallen auf die gesetzliche Rente Steuern an.

Fazit: Interessant dürfte der Punktekauf vor allem für Selbstständige, Frauen, Leute kurz vor der Rente und Menschen mit hoher Lebenserwartung sein, deren Eltern bereits alt wurden und die keine Vorerkrankungen haben. Interessierte sollten sich professionelle Beratung bei der Deutschen Rentenversicherung oder einem Rentenberater holen, um die eigene Situation genau durchrechnen zu lassen.

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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