Geldanlage

Jahr 2023: Warum Prognosen meistens daneben liegen

Lesezeit: 6 min
19.12.2022 14:45  Aktualisiert: 19.12.2022 14:45
Anleger interessieren sich brennend für Crashvoraussagen. Doch lässt sich die Zukunft überhaupt prognostizieren?
Jahr 2023: Warum Prognosen meistens daneben liegen
Eine Glaskugel, um die Börsenkurse vorherzusehen, wünscht sich wohl jeder Anleger. (Foto: iStock.com/turk_stock_photographer)
Foto: turk_stock_photographer

Zum neuen Jahr florieren wieder die Prognosen, wie sich die Wirtschaft 2023 entwickeln wird. Nicht bloß sogenannte „Crashpropheten“, sondern auch Banken und Forschungsinstitute veröffentlichen laufend Voraussagen über Inflation, Wachstum oder Beschäftigung. Dem Laien mag es erscheinen, als ob sich die Zukunft tatsächlich voraussagen lässt – oder zumindest mit einer gewissen Fehlerbandbreite.

Doch der Finanzexperte Marcos Pérez widerspricht dieser Ansicht. „Die Finanzmärkte sind zwangsläufig unberechenbar“, schreibt er in einem Fachaufsatz. Der Astrophysiker hat jahrelang als Risikomanager in der Finanzbranche gearbeitet.

Eine sichere Prognose sei schon aus logischen Gründen „eine Chimäre“, erklärt Pérez. Gäbe es eine Methode, um zukünftige Preise zuverlässig vorauszusagen, würde diese rasch entdeckt und neutralisiert. Über gehebelte Finanzprodukte ließen sich hohe Gewinne selbst mit kleinsten Beträgen in kürzester Zeit einfahren.

Prognosen sind meistens falsch

Das würde der Finanzbranche nicht verborgen bleiben, die aufgrund der hohen Gehälter über enorm viel Talent und Ressourcen verfüge, führt Pérez aus. Investoren würden ihre Handelsstrategien anpassen und die Arbitrage-Möglichkeit würde verschwinden.

Auch Studien bestätigen die Fehlerhaftigkeit von Prognosen. In einem OECD-Papier berichten die Autoren von einem „verbreiteten Versagen, Wirtschaftsabschwünge und ihr Ausmaß vorauszusagen“. Diese Schwierigkeiten seien über Prognostiker, Länder und längere Zeiträume hinweg festgestellt worden.

Laut einer Untersuchung von IWF-Autoren lagen Prognosen im Schnitt in 148 von 153 Rezessionen falsch, die sich zwischen 1992 und 2014 ereigneten. Bloß fünf Konsensprognosen sagten im April des Vorjahres richtig voraus, dass die Wirtschaft im Folgejahr schrumpfen würde. Etwa erkannte keine einzige Prognose im April 2008 die Rezession von 2009. Auch vor der Argentinien-Krise schlugen weder öffentliche Institutionen wie der IWF noch Private wie Goldman Sachs Alarm.

Track-Record unzuverlässig

Laut Philip Tetlock sind politische und wirtschaftliche Experten schlechte Prognostiker. Der US-Psychologe untersuchte über 80.000 Prognosen von Journalisten, Historikern, Diplomaten, Ökonomen und anderen Experten aus den Bereichen Politik und Wirtschaft. Das Ergebnis: Die Experten schafften es kaum bis gar nicht, bessere Prognosen aufzustellen als Laien wie etwa Taxifahrer.

Auch die Erfolgsbilanz ist kein zuverlässiges Signal. Laut Untersuchungen schaffen es 80 bis 90 Prozent der Fondsmanager nicht, eine Benchmark über Zehn-Jahreszeiträume zu schlagen. Doch selbst die wenigen erfolgreichen Vermögensverwalter wechseln ständig und fallen in der Regel wieder hinter den Index zurück.

Die moderne Finanzmarkttheorie führt die schwachen Prognosefähigkeiten der Fondsmanager auf die hohe Informationseffizienz von Finanzmärkten zurück. Börsen würden umgehend einpreisen, sobald eine neue Information bekannt würde, etwa die Insolvenz eines Unternehmens. Das aktuelle Preisgefüge enthalte somit alle bekannten Informationen. Anleger könnten höchstens mit Insiderinformationen Überrenditen einfahren.

Effizienzmarkthypothese unzureichend

Laut Marcos Pérez greift diese Erklärung – auch als Effizienzmarkthypothese bekannt – aber zu kurz. Eine neue Information könne von den Marktteilnehmern verschieden bewertet werden, schreibt er. „Der Schlüsselfaktor ist daher nicht die Neuheit, sondern die Entscheidungen, die die Teilnehmer treffen, basierend darauf, wie sie die Auswirkungen interpretieren, die die neuen Informationen haben können.“

Eine korrekte Prognose müsse nicht bloß die Neuigkeit an sich antizipieren. Sie müsse vorwegnehmen, wie die Anleger eine Information interpretieren und welche Interpretation die Kurse am meisten beeinflusse. „Daher garantiert selbst das Vorhandensein der Informationen, bevor sie dem Rest des Marktes bekannt sind, keinen langfristigen Vorteil“, erklärt Pérez.

Pérez sieht Finanzmärkte als hyperkomplexe Systeme, über die eine Voraussage grundsätzlich unmöglich ist. Es seien gar nicht alle Informationen über die Faktoren bekannt, die einen Preis beeinflussten. Würde man Finanzmärkte mittels mathematischer Gleichungen modellieren, wären dazu extrem viele Variablen nötig, deren Werte sich zudem laufend ändern würden. Außerdem sei menschliches Handeln kreativ und spontan und lasse sich nicht aus gegebenen Informationen herleiten.

Mustervoraussagen möglich

Laut dem Ökonomen Friedrich August von Hayek sind – wenn überhaupt – bloß sehr allgemeine „Mustervorhersagen“ möglich, wenn es um wirtschaftliche Phänomene geht. Hayek zufolge lässt sich nämlich nicht voraussagen, um wie viel oder wann ein Preis steigen wird.

Allenfalls lasse sich ein Trend für steigende oder fallende Preise ableiten, also ein sehr allgemeines Muster. Doch selbst diese Prognose unterliege Zukunftsannahmen, die sich als falsch erweisen könnten.

Sogar die Naturwissenschaften kommen immer mehr zum Schluss, dass sich die Zukunft nicht voraussagen lässt. Etwa schreibt Stephen Hawking in seinem Buch „Kurze Antworten auf große Fragen“, dass sich die Physik schrittweise vom Determinismus des Franzosen Pierre-Simon Laplace lösen musste. Dieser hatte im 19. Jahrhundert vermutet, dass sich die zukünftige Bewegung eines Teilchens bestimmen lässt, wenn man Position und Geschwindigkeit kennt.

Gleichgewichtete Asset Allocation

Das änderte sich in den 1920er-Jahren mit der Heisenbergschen Unschärferelation. Von nun an galt bloß noch eine Kombination von Geschwindigkeit und Position als vorhersagbar, führt Hawking aus. „Nun könnte selbst diese begrenzte Vorhersagbarkeit verloren gehen, wenn man Schwarze Löcher in die Überlegungen einbezieht.“

Laut Hawking ist in der Praxis die Fähigkeit zur Prognose „erheblich eingeschränkt“. Physikalische Gleichungen würden rasch sehr komplex und tendierten zum Chaos. Bereits eine winzige Störung an einem Ort könne weitreichende Veränderungen anderswo auslösen.

Marcos Pérez rät aufgrund der Unsicherheit der Zukunft zu prognosefreiem Investieren über ETFs. Anleger sollten das Portfolio gegen jedes denkbare Zukunftsszenario wappnen. Weil sich bestimmten Zukunftsszenarien wie etwa hohe Inflation keine Eintrittswahrscheinlichkeit zuordnen lasse, favorisiert Pérez gleichgewichtete Portfolios wie die Drei-Speichen-Regel (je ein Drittel Gold, Immobilien und Aktien) oder das Fugger-Portfolio (je ein Viertel Gold, langfristige Staatsanleihen, Aktien und Immobilien).

***

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main und schreibt vor allem über Konjunktur, Edelmetalle und ETFs sowie die ökonomische Lehre der Österreichischen Schule. 

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